Heute Morgen fiel das Licht durch mein Atelierfenster auf eine ganz besondere Weise – schräg, beinah golden, als würde es die Luft selbst einrahmen. Ich stand da mit meinem Kaffee und beobachtete, wie sich die Schatten auf der weißen Wand verschoben. Manchmal vergesse ich, dass Licht auch eine Form ist.
Ich hatte mir vorgenommen, an meiner Bleistiftskizze weiterzuarbeiten, dieser stillen Studie eines alten Stuhls. Aber ich machte einen Fehler: Ich begann zu früh mit den Schattierungen, bevor die Proportionen wirklich stimmten. Zu ungeduldig, dachte ich. Also radierte ich alles wieder weg und fing von vorne an. Diesmal langsamer. Diesmal mit mehr Vertrauen in den Prozess.
Was mir dabei auffiel: Die Zwischenräume sind genauso wichtig wie die Linien selbst. Der negative Raum um die Stuhlbeine herum erzählt genauso viel wie die Form des Holzes. Das ist etwas, das ich in der Malerei schon lange weiß, aber beim Zeichnen muss ich es mir immer wieder neu erarbeiten.
Gegen Mittag blätterte ich durch einen alten Katalog von Käthe Kollwitz. Ihre Kohlezeichnungen haben diese unglaubliche Dichte – jede Linie trägt Gewicht, jede Fläche atmet. Ich fragte mich, wie viele Versuche hinter jedem dieser Werke stehen. Wie oft hat sie radiert, neu angesetzt, verworfen?
Am Abend saß ich noch eine Weile am Fenster. Das Licht war inzwischen verschwunden, aber ich erinnerte mich an seine Farbe. An die Art, wie es die Dinge berührte, ohne sie zu verändern. Vielleicht ist das, was Kunst macht: Sie erinnert uns daran, dass wir schon immer hingesehen haben, auch wenn wir es vergessen hatten.
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