Am späten Nachmittag fiel das Licht schräg durch die hohen Fenster der kleinen Galerie in Kreuzberg. Ich hatte fast übersehen, dass heute die Vernissage war – ein handgeschriebenes Schild an der Tür, leicht verwittert, fast schüchtern. Drinnen roch es nach frischer Farbe und Holz, vermischt mit dem herben Duft von Kaffee aus der Thermoskanne auf dem Tapeziertisch.
Die Arbeiten waren Collagen aus gefundenen Materialien: alte Zeitungsausschnitte, verblasste Fotografien, Stoffreste. Auf den ersten Blick chaotisch, dann erkannte ich die Struktur – wie die Künstlerin negative Räume nutzte, um Spannung zu erzeugen. Ich stand lange vor einem Stück, das mich irritierte: zu viel Information, dachte ich zuerst. Dann verstand ich meinen Fehler. Sie wollte genau das – diese Überforderung, dieses moderne Ertrinken in Fragmenten.
"Magst du es?" fragte eine ältere Frau neben mir leise. Ich antwortete ehrlich: "Ich bin noch dabei, es zu verstehen." Sie lächelte. "Das ist doch das Schönste daran."
Es ist diese Geduld, die mir oft fehlt. Ich möchte Kunst sofort erfassen, kategorisieren, bewerten. Aber manchmal muss man einfach davorstehen bleiben und dem Werk Zeit geben, sich zu entfalten. Die Künstlerin selbst stand in der Ecke, nervös, mit verschränkten Armen. Ich hätte gern mit ihr gesprochen, aber ich wollte sie nicht unterbrechen – sie beobachtete die Besucher mit der Intensität von jemandem, der zum ersten Mal zusieht, wie andere die eigene Innenwelt betreten.
Auf dem Heimweg, als die Straßenlaternen bereits flackerten, dachte ich an die leeren Stellen in den Collagen. Wie sie lauter sprachen als alles, was ausgefüllt war. Wie Stille manchmal eloquenter ist als jedes Wort.
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