Der Einstieg ist leise — so leise, dass ich erst nach einer Minute bemerke, die Musik läuft bereits. Ein einzelner Saxophonton, lang und ohne Vibrato, liegt über dem vierstimmigen Chorklang wie Rauch in einem Raum, der gerade erst leer geworden ist. Jan Garbarek & The Hilliard Ensemble, Officium, aufgenommen 1993 in der Propsteikirche St. Gerold in Vorarlberg, erschienen 1994 bei ECM Records.
Heute Nachmittag zum zweiten Mal gehört, diesmal mit Kopfhörern, die Wohnung still, Regen an den Fenstern. Beim ersten Durchgang auf Lautsprechern war der Kirchenhall ein diffuser Hintergrund. Mit Kopfhörern sitzt er in den Vokalen selbst, trägt die Saxophonlinie, lässt keine Note zu früh enden. St. Gerold ist kein Effekt — er ist das eigentliche dritte Instrument. ECM hat das gewusst; es klingt mir, als ob die Raumgröße bei der Abmischung mitgedacht wurde, nicht nachträglich hinzugefügt.
Was das Werk versucht: mittelalterliche Polyphonie und frei improvisiertes Saxophon gleichzeitig im Raum zu halten, ohne dass das eine das andere kommentiert. Garbarek überlagert, hält inne, taucht unter. Das gelingt am überzeugendsten in den ruhigeren Abschnitten, wo seine Linie sich aus dem Chorgewebe herausschält wie etwas, das immer schon dort war — nicht eingeführt, sondern freigelegt.
Es gibt zwei, drei Stellen, wo das Saxophon zu weit in den Vordergrund tritt und die Textur der Vokalstimmen verdeckt. Die Balance kippt: Man hört plötzlich ein Jazz-Instrument mit Chorbegleitung, was das Konzept umkehrt. Ob das eine bewusste Entscheidung war oder ein Mischproblem, weiß ich nicht sicher.
Was das Stück nicht versucht: jazzig zu sein, historisch korrekt zu klingen, irgendwo anzukommen. Es hält einen Zustand aufrecht, der sich langsam erschließt. Für einen stillen Freitagnachmittag in Leipzig war das genau richtig.
#Musiktagebuch #ECM #Hörnotiz #Improvisation