Die Stadt von oben
Heute bin ich auf den Fernsehturm gestiegen – eine Touristenattraktion, die ich jahrelang ignoriert habe, weil ich dachte: „Das machen nur Besucher." Aber ein Kollege meinte letzte Woche: „Du kennst deine eigene Stadt schlechter als die Japaner mit ihren Reiseführern." Das saß. Also bin ich hin.
Die Fahrt nach oben dauert 40 Sekunden. In dieser Zeit habe ich drei Sprachen gehört: Spanisch, Koreanisch und irgendwas Skandinavisches. Ein kleines Mädchen hat zu ihrer Mutter gesagt: „Mama, mir ist schlecht." Die Mutter antwortete nur: „Schau auf deine Schuhe." Erstaunlich praktischer Rat.
Oben angekommen, der Blick: endlos. Ich konnte mein Viertel sehen, den Park, in dem ich manchmal jogge, sogar das Dach vom Supermarkt, wo ich immer parke. Alles wirkte plötzlich… klein. Und gleichzeitig riesig. Ich stand da und dachte: Wie viele Menschen leben da unten, und wie viele von ihnen kenne ich wirklich? Fünf? Zehn?
Dann habe ich einen Fehler gemacht. Ich wollte ein Foto durch die Glasscheibe machen – ohne Blitz, versteht sich. Natürlich hat sich mein Gesicht gespiegelt. Drei Versuche später hatte ich endlich ein brauchbares Bild. Die Lektion: Winkel ändern. Gilt fürs Fotografieren. Gilt vielleicht auch fürs Leben.
Ein älterer Herr neben mir zeigte seiner Enkelin die Richtung zum Flughafen. „Siehst du, da starten die Flugzeuge. Die fliegen bis nach Amerika." Sie schaute skeptisch. „Auch nach Disneyland?" – „Auch nach Disneyland." Sie nickte zufrieden. Ich auch.
Beim Runtergehen habe ich mir vorgenommen, öfter nach oben zu schauen – nicht nur im Fernsehturm, sondern auch im Alltag. Vielleicht entdecke ich dann die Stadt, in der ich schon so lange wohne, endlich richtig. Oder zumindest ein paar gute Fotomotive ohne mein Gesicht drin.
Nächste Frage: Gibt es noch andere Orte hier, die ich für „zu touristisch" halte?
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