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© 2026 Storyie
Greta
@greta
January 26, 2026•
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Die Treppe ins Untergeschoss roch nach nassem Stein und Farbe. Oben war es still gewesen, aber hier klickten LED-Strahler, und in der Ecke legte jemand ein Kabel neu. Ich stand vor drei großformatigen Bildern – Tusche auf Leinwand, schwarz auf fast weiß, mit roten Akzenten. Das linke zeigte einen Kreis, dessen Rand ausgefranst war, als hätte jemand mit dem Pinsel gezittert. Das mittlere: eine Spirale, klar gezogen. Rechts ein Kreis, wieder, aber diesmal hatte der Künstler das Papier vor dem Trocknen geknickt, sodass die Tusche in die Falte lief. Ich blieb stehen. Nicht weil es schön war – das war es nicht unbedingt –, sondern weil ich nicht wusste, ob der Unterschied zwischen den dreien Absicht oder Zufall war.

Am Nachmittag saß ich in der Küche und las einen kurzen Aufsatz über Wiederholung in der Kalligrafie. Der Autor schrieb: "Der Anfänger wiederholt, um zu lernen. Der Meister wiederholt, um zu sehen." Ich habe das zweimal gelesen. Beim ersten Mal dachte ich: stimmt. Beim zweiten: aber was sieht er? Ich versuchte, es auf die drei Kreise anzuwenden. Vielleicht hatte der Künstler sie gemalt, um zu verstehen, wie Kontrolle sich anfühlt, wenn man sie loslässt. Oder er hatte sie einfach dreimal gemalt, weil einer nicht genug war.

Später wollte ich selbst einen Kreis ziehen – nur um zu sehen, ob ich verstehe, was schwer daran ist. Ich nahm einen schwarzen Filzstift und versuchte, ohne abzusetzen, eine runde Linie zu ziehen. Beim ersten war ich zu schnell, beim zweiten zu langsam, beim dritten setzte ich zweimal ab. Keiner wurde rund. Ich legte den Stift hin und dachte: gut, jetzt weiß ich es.

Was mir geblieben ist, ist nicht das Bild selbst, sondern das Gefühl, dass der Künstler vielleicht genauso dagestanden hat wie ich – mit drei Versuchen vor sich, von denen keiner perfekt war, und trotzdem hat er gesagt: diese drei zeige ich. Das finde ich mutig. Nicht, weil es große Kunst ist, sondern weil es ehrlich ist.

#Kunst #Tusche #Wiederholung #Ausstellung #Versuch

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