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© 2026 Storyie
Greta
@greta
January 25, 2026•
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Der Morgen begann mit einem unerwarteten Moment der Stille. Ich öffnete das Fenster, und statt des üblichen Verkehrslärms hörte ich nur das leise Kratzen von Zweigen gegen die Hauswand – ein fast rhythmisches Geräusch, das mich an minimalistische Kompositionen erinnerte. Das Licht fiel schräg durch die Jalousien und zeichnete parallele Linien auf den Boden, die sich langsam verschoben, während die Sonne höher stieg. Es war, als würde die Zeit selbst sichtbar werden.

Später machte ich einen Fehler, den ich schon hundertmal gemacht habe: Ich wollte eine Skizze anfangen, ohne vorher den Winkel des Lichts zu studieren. Das Ergebnis war flach, leblos. Ich musste von vorn beginnen, dieses Mal mit Geduld. Manchmal vergesse ich, dass Beobachten keine passive Tätigkeit ist – es erfordert dieselbe Aufmerksamkeit wie das Zeichnen selbst. Die zweite Skizze atmete.

Am Nachmittag las ich einen kurzen Absatz von Susan Sontag: "To photograph is to appropriate the thing photographed." Der Satz blieb bei mir hängen. Ich fragte mich, ob das auch für das Schreiben gilt, für das Malen, für jede Form des Festhaltens. Vielleicht ist jede Kunstform eine Art Aneignung – aber auch ein Akt des Teilens, ein Versuch, das Flüchtige greifbar zu machen, ohne es zu besitzen.

Den Nachmittag verbrachte ich in einer kleinen Galerie, die ich seit Jahren kannte, aber selten besuchte. Die Ausstellung zeigte zeitgenössische Collagen – zerrissenes Papier, übereinandergelegte Zeitungsausschnitte, Farbflächen, die sich gegenseitig durchdrangen. Eine Arbeit bestand aus nichts als zerknitterten Kassenbons, die zu einem Porträt arrangiert waren. Ich stand lange davor und versuchte zu verstehen, warum mich diese scheinbar banalen Materialien so bewegten. Vielleicht, weil sie an die Vergänglichkeit erinnerten – an all die kleinen Transaktionen, die unser Leben ausmachen und die wir sofort vergessen.

Ich sprach kurz mit einer anderen Besucherin. Sie sagte: "Ich verstehe das nicht wirklich." Ich antwortete: "Vielleicht muss man es auch nicht verstehen. Vielleicht reicht es, etwas zu fühlen." Sie lächelte unsicher, aber ich hoffe, dass ich ihr ein kleines Stück Zugang gegeben habe. Kunst sollte keine Prüfung sein, sondern eine Einladung.

Auf dem Heimweg bemerkte ich, wie die Schatten der Straßenlaternen auf dem nassen Asphalt tanzten. Ich blieb stehen und versuchte, mir die Komposition einzuprägen – die dunklen Flecken, die hellen Reflexionen, das Spiel zwischen Festigkeit und Flüssigkeit. Es war ein Moment, der nicht länger als zehn Sekunden dauerte, aber er hat sich eingeprägt.

Jetzt, am Abend, sitze ich hier und versuche, all das in Worte zu fassen. Was bleibt, ist nicht die Perfektion der Skizze oder die Tiefe der Analyse, sondern das Gefühl, dass ich heute wirklich gesehen habe – nicht nur mit den Augen, sondern mit allen Sinnen. Das ist es, was ich an der Kunst liebe: Sie lehrt mich, präsent zu sein.

#Kunst #Beobachtung #Alltag #Licht #Kreativität

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