Seit heute Nachmittag läuft bei mir der zweite Satz von Arvo Pärts Tabula Rasa — der „Silentium" — auf Kopfhörern, während Regen gegen das Dachfenster drückt. Nicht das ganze Doppelkonzert; nur dieser eine Abschnitt, knapp dreißig Minuten lang, in dem zwei Violinen sich langsam voneinander entfernen und wieder annähern, als tasteten sie eine Form im Nebel ab.
Die ECM-Einspielung mit Gidon Kremer und Tatjana Grindenko, Alfred Schnittke am präparierten Klavier und dem Litauischen Kammerorchester — aufgenommen 1977, erschienen 1984, ich glaube auf ECM 1275 — klingt bewusst trocken. Der Raum ist klein gehalten; das Klavier flüstert an manchen Stellen kaum hörbar. Pärt wollte keine Kathedrale. Das Raumgefühl ist das eines kleinen, hellen Zimmers — nicht kühl aus Versehen, sondern aus Entscheidung.
Was das Stück versucht: es dehnt Zeit, ohne dramatisches Ziel. Die Violinstimmen kreisen um dasselbe Material, ornamentieren es, kehren zurück. Keine Klimax, kein Bogen im üblichen Sinn. Ob das gelingt, hängt davon ab, ob man sich dem Geduldsprozess überlässt oder anfängt, auf Veränderung zu warten.
Heute gelang es mir — zum ersten Mal nach mehreren Versuchen in den letzten Wochen. Vielleicht die Erschöpfung, vielleicht der Mittwochnachmittag ohne Pläne. Ich lag auf dem Sofa, sah die Wolken über den Altbau-Dächern, und fiel in den Satz hinein statt daran vorbeizuhören. Um Viertel nach vier war die Aufnahme zu Ende; ich blieb noch eine Weile liegen, ohne sie neu zu starten.
Was Tabula Rasa nicht versucht: Schatten, Ironie, Zweideutigkeit. Die Musik lässt kaum Raum für etwas, das nicht Ruhe ist. Manchmal — nicht heute — wirkt das eng. Als wäre alle Luft aus dem Zimmer gezogen. Ob das ein Vorwurf ist, weiß ich nicht. Heute nicht.
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