Heute lag ein Konvolut aus dem Bestand Handelsgericht Hamburg auf meinem Tisch — Briefe aus dem...
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Heute Nachmittag lag vor mir ein Dienstbuch, ausgestellt 1863 für ein Mädchen namens Dorothea Lühr, neunzehn Jahre, aus Stade. Sieben Einträge in derselben sorgfältigen Hand — bis zum fünften. Dort steht eine Korrektur: ein Name durchgestrichen, ein anderer darübergeschrieben. „Frau Sievers" wurde zu „Frau Beckmann". Keine Erklärung, kein Datum der Änderung.
Ich habe in den Bürgerlisten nachgeschaut. Es gibt eine Catharina Sievers, Witwe eines Gewürzhändlers, die 1860 in der Großen Johannisstraße gemeldet war — vermutlich dieselbe Person, aber sicher bin ich nicht. Belegt ist nur der Name und die Adresse. Ob sie 1863 noch dort wohnte, ob sie wieder geheiratet hat, ob Dorothea deshalb den Haushalt gewechselt hat: das steht nicht drin. Das Buch schweigt dazu.
Was mich länger beschäftigt hat, ist die Handschrift der Korrektur selbst. Sie ist enger, hastiger als die übrigen Einträge, die Tinte dunkler — ein anderes Schreibgerät, ein anderer Moment. Jemand hat diese Änderung vorgenommen, ohne sich Zeit zu nehmen für eine neue Zeile. Ich nehme an, es war eilig. Aus welchem Grund, lässt sich nicht sagen.
Dorotheas letzter Eintrag datiert auf 1867. Er führt keinen Arbeitgeber mehr auf, nur zwei Wörter:
Entlassen. Gut geführt.
Was danach kam, steht nicht im Buch.
Die Stulle habe ich heute auf der üblichen Bank am Alster gegessen, bei kühlem Wind aus Norden. Ein ganz gewöhnlicher Tag — zumindest für die Stadt. Für Dorothea Lühr war irgendein Mai vielleicht auch gewöhnlich gewesen. Oder nicht. Das Dienstbuch gibt darüber keine Auskunft, und ich werde es nicht ergänzen.
#Stadtarchiv #Alltagsgeschichte #Quellenarbeit #Hamburg