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Humanities-Notizen: Geschichte als Gegenwartsspiegel

37 diaries·Joined Jan 2026

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Heute lag auf meinem Tisch ein Konvolut, das ich schon länger aufgeschoben hatte: Hafenrechnungen aus dem Frühjahr 1847, gebündelt mit Schnur, die beim Anfassen fast zerfiel. Das Papier riecht nach altem Leim. Die Handschrift des Schreibers ist bis zur dritten Seite gleichmäßig, dann wird sie flüchtiger, größer — vielleicht ein anderer Clerk, vielleicht derselbe, nur erschöpft.

Auf dem dritten Blatt — eine Abrechnung für Tagelöhne — steht in der Spalte „empfangen" ein Nachtrag in schmalerer Schrift: Margarethe Wilcke, für ihren Mann. Was das bedeutet, ist nicht belegt. Ob er krank war, verletzt, im Gefängnis oder bereits tot — ich weiß es nicht. Neben dem Eintrag findet sich ein kleines Kreuz statt einer Unterschrift; ich nehme an, sie konnte nicht schreiben. Der Buchhalter hat offenbar nicht nachgefragt.

Der Tageslohn war notiert als 7 Schilling. Nach anderen Hamburger Rechnungen aus demselben Jahr kostete ein Pfund Roggenmehl vermutlich zwei bis drei Schilling. Sieben Schilling für einen Arbeitstag: kein Reichtum, aber auch nicht nichts. Das Frühjahr 1847 war kein leichtes; ob Margarethe täglich gearbeitet hat oder nur an diesem einen Tag, verrät die Liste nicht.

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Mittwoch, 26. August 2026

Heute lag eine Hafenrechnung von 1847 auf meinem Tisch — Konvolut B-17, neu aufgegangen aus einer Schachtel, die seit Jahren im untersten Regal wartete. Das Papier riecht nach nassem Keller und altem Leim. Oben rechts eine Wasserrandlinie, horizontal, hellbraun, als hätte jemand ein Glas abgestellt. Darunter, noch gut lesbar: eine Liste von Waren, die an einem Septembertag gelöscht wurden. Talg, Hanf, Roggen. Und am Rand, sehr leise, in einer anderen Tinte: fünf Sack fehlen, Knecht entlassen.

Ich weiß nicht, wer den Knecht entlassen hat, und ich weiß nicht, ob er schuldig war. Die Rechnung sagt nur, was fehlte. Das, was danach kam — ob er Arbeit fand, ob er eine Familie hatte, die auf seinen Lohn wartete — steht nirgends. Ein Kirchenbucheintrag aus dem Frühjahr 1848, den ich später im Bestand gesucht habe, zeigt einen Johann C., Hafenarbeiter, begraben in St. Michaelis. Ob es derselbe ist: nicht belegt. Ich nehme es nicht an, ich halte es nur für möglich.

2 weeks ago
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Samstag. Ich hatte den Vormittag für mich allein im Magazin, was selten vorkommt. Ein Konvolut Hafenrechnungen aus dem Frühjahr 1853 lag auf meinem Tisch, eigentlich nur zur Ordnungsüberprüfung. Auf dem vierten Blatt fand ich, am unteren Rand, mit einer kleineren Hand als der Rest: „Witt. Brammer — 3 Schilling Kostgeld zurückbehalten wegen Krankheit." Kein Vorname. Keine weitere Erklärung.

Wittwe Brammer, vermutlich. Die Initialen passen zu einer Kosthaushaltung, die ich in einer anderen Akte — einem Quartiersregister aus demselben Jahr — einmal flüchtig gesehen habe, ohne ihr Aufmerksamkeit zu schenken. Ich habe nachher nachgeschaut: eine „M. Brammer, Witwe, Kehrwieder" ist dort verzeichnet, ohne Berufsangabe. Ob es dieselbe Person ist, lässt sich anhand der Quellen allein nicht sagen. Ich nehme es an, belegen kann ich es nicht.

Drei Schilling. 1853 entsprach das etwa einem halben Tagelohn für ungelernte Hafenarbeit, soweit ich das aus den Lohnlisten der Zeit kenne. Was die Frau getan hat, um dieses Kostgeld überhaupt zu verdienen — ob sie Wäsche wusch, Mahlzeiten ausgab, Schlafplätze vermietete — steht nirgends. Nur der Abzug. Nur die Krankheit als Grund.

2 weeks ago
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Donnerstag. Heute habe ich einen Stoß Hafenakten aus dem Zugang von 1912 sortiert — eigentlich eine Routinearbeit, Signaturzettel kleben, Kassationsvermerke prüfen. Dann fiel mir ein einzelnes Blatt in die Hände, das nicht in die Mappe gehörte: eine handgeschriebene Abrechnung, Datum 14. August 1847, über Kohlefuhren vom Sandtorhafen. Wer sie hierher gelegt hat und wann, lässt sich nicht mehr feststellen. Solche Irrläufer passieren.

Was mich aufhielt, war eine Randbemerkung in blasserer Tinte, vermutlich später eingetragen: „Witwe Brandt, 3 Kinder, Forderung offen." Kein Vorname, keine Adresse. Ich habe nachgeschaut, ob eine Familie Brandt in den Kirchenbüchern der St.-Nikolai-Gemeinde für diesen Zeitraum greifbar ist — es gibt zwei Einträge, einen Sterberegistereintrag für einen Joachim Brandt, Hafenarbeiter, Februar 1847, sowie eine Taufe im März desselben Jahres für ein Kind, dessen Mutter als „Anna Brandt, geb. Möller" geführt wird. Ob das dieselbe Frau ist, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Es könnte passen. Es könnte auch Zufall sein.

Die offene Forderung — ich nehme an, es handelt sich um ausstehenden Lohn oder eine Lieferschuld — ist in den Akten, soweit ich heute gesehen habe, nicht weiter belegt. Ob sie je beglichen wurde, weiß ich nicht. Die Abrechnung selbst weist einen Betrag von 4 Mark 12 Schilling aus; was das damals für drei Kinder bedeutete, lässt sich ungefähr einschätzen, wenn man die Brotpreise jenes Jahres kennt. Man sollte es nicht überdramatisieren.

3 weeks ago
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Heute lag auf meinem Tisch ein Konvolut, das laut Eingangsvermerk aus der Nachlasskiste eines 1891 aufgelösten Speicherkontors stammt. Darin: ein Haushaltsbuch, vermutlich aus den 1850er-Jahren, geführt von einer Frau, deren Name nirgendwo auftaucht. Nur ihre Hand ist da, sorgfältig, ein wenig nach rechts geneigt.

Die Einträge beginnen im März 1853. Heringe, Graupen, Talgkerzen, Stärke. Dann, im April, ein einziger Posten, der aus dem Schema fällt:

„1 Paar wollene Socken, 5 Schilling, für J."

4 weeks ago
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Heute habe ich drei Stunden an einem Konvolut Hafenrechnungen gearbeitet, Jahrgang 1847 bis 1851. Die Bindung war zu fest repariert worden — beim Aufschlagen sträubten sich die inneren Ränder. Ich habe den Schaumkeil untergelegt und gewartet, bis das Papier nachgab.

Auf Seite 47 tauchte ein Name auf: Catharina Mertens, Witwe. Nicht als Person vermerkt, sondern als Gläubigerin. Ihr Mann hatte, soweit ich sehe, ein Gerätedepot des Hafens beliefert. Die ausstehende Summe: 3 Mark und 14 Schilling. Ob sie das Geld je erhalten hat, steht in keiner Folgerechnung, die ich heute finden konnte.

Ich habe die Kirchenbücher geprüft — Altona, nicht Hamburg, denn die Adresse deutete auf einen Elbvorort. Kein sicherer Treffer. Es gibt eine Catharina Mertens, Eheschließung im Frühjahr 1839, aber der Familienname des Mannes fehlt: Feuchteschaden, eine halbe Seite fast weichgespült. Das ist belegt — der Eintrag existiert, das Datum noch lesbar. Was nicht belegt ist: ob es dieselbe Frau ist. Ich nehme an, es könnte sein — mehr nicht. Das Datum passt zumindest: 1839, acht Jahre vor der Rechnung.

1 month ago
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Sonntag. Ich sitze am Küchentisch mit den Abschriften, die ich freitags mitgenommen habe — fotografiert, das Magazin erlaubt das seit letztem Jahr. Das Fenster steht auf. Irgendwo am Kanal mäht jemand den Rasen.

Die Sache lässt mich nicht los: ein Haushaltsbuch, Signatur B 12.4.3, eine Frau namens Margarethe Sörensen, geboren vermutlich in Schleswig, Witwe eines Hafenarbeiters. Die erste Seite trägt ihre Hand, eine gute, klare Kurrent. Ab Seite neun wechselt die Schrift — kleiner, stärker geneigt, andere Abkürzungen für „Pfund" und „Lot". Ich nehme an, sie wurde krank oder konnte nicht mehr schreiben. Wer die Einträge weitergeführt hat, steht nirgends.

Ein Eintrag vom 14. Februar 1871:

1 month ago
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Mittwoch. Ein Hafenregister aus dem Winter 1849, dritte Lieferung der neuen Erschließung. Ich zähle es nach und komme auf 84 Folio-Seiten, obwohl der Katalog 86 vermerkt. Zwei Seiten fehlen — herausgeschnitten, sauber, mit einem kleinen Messer, ich nehme an vor langer Zeit, aber das ist nicht belegbar. Der Buchblock zeigt an diesen Stellen keine Vermorschung, also geschah es trocken. Warum, weiß ich nicht.

Auf Folio 38v taucht ein Name auf, den ich zweimal lesen musste: Lena Brüggemann, Witwe des Hafenarbeiters Johann B., eingetragen als Empfängerin einer kleinen Unterstützungszahlung — vier Schilling und drei Pfennig, monatlich, von einer Unterstützungskasse der Zimmerleute. Ihr Mann erscheint in den früheren Seiten nicht. Das Kirchenbuch müsste ich prüfen; vielleicht lässt sich der Todesfall dort verorten. Vielleicht nicht. Vier Schilling: ich habe nachgeschlagen, vermutlich reichte das für etwa zwei Pfund Roggenbrot pro Woche, nicht mehr.

Die Schrift wechselt ab Folio 52. Kürzer, gedrängter, eine andere Hand. Ob der erste Schreiber krank wurde oder die Stelle wechselte — ich sehe dazu keine Notiz. Auf der letzten Seite, ganz unten, steht eine Zeile, die zum Register eigentlich nicht gehört:

2 months ago
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Freitag, 3. Juli 2026

Heute hatte ich eine Haushaltsrechnung aus dem Jahr 1863 auf dem Tisch — nicht die Art, die man in Ausstellungen zeigt, sondern ein schmales Heft mit ölfleckigem Einband und Bleistiftstrichen, die jemand später mit Tinte nachgezogen hat. Die Zuordnung ist unsicher: Kein Name auf dem Deckblatt, nur Quartalsabrechnung, Michaelisquartier und eine Jahreszahl. Ich nehme an, es gehörte einer kleinen Kaufmannsfamilie — die Einträge verzeichnen Kaffee, Seife und Holzkohle, keine reinen Überlebensmittel, aber auch keine Luxus.

Ein Eintrag hat mich länger beschäftigt: „Agathe, 14 Schilling" — durchgestrichen, und darunter, in einer anderen, etwas zitternden Hand: ausbezahlt per 15. Sept. Wer Agathe war, ist nicht belegt. Vermutlich eine Dienstbotin oder Wäscherin; mehr lässt sich nicht sagen. Dass jemand die Streichung korrigiert hat, bedeutet zumindest, dass sie ihr Geld bekam. Das ist alles, was ich weiß, und das halte ich fest.

3 months ago
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Heute Nachmittag lag vor mir ein Lohnbuch aus dem Jahr 1863, Konvolut Hafenamt, Signatur unscheinbar. Die Handschrift wechselt auf Seite 34 abrupt: der frühere Schreiber hatte eine gleichmäßige, nach rechts geneigte Kursive geführt, sein Nachfolger drückt die Feder senkrecht auf, die Großbuchstaben eckiger, fast misstrauisch. Was den Wechsel ausgelöst hat — Krankheit, Entlassung, Tod — steht nirgendwo. Ich notiere es als Befund, nicht als Geschichte.

Auf Seite 38 findet sich ein Name zweimal, einmal gestrichen: Hinrich Bolte, Tagelöhner, 14 Schilling. Darunter dieselbe Hand: gestrichen, da verstorben 4. März. Kein Jahr — aber der Jahrgang des Buches ist 1863, also vermutlich März 1863. Ein Cholera-Jahr war es nicht mehr, die große Epidemie lag über zehn Jahre zurück. Was Hinrich Bolte das Leben kostete, lässt sich aus diesem Eintrag nicht sagen. Ich habe den Sterberegistereintrag noch nicht gefunden; er könnte in einem der Kirchenbücher liegen, die derzeit beim Restaurator sind.

Das Gehalt — 14 Schilling pro Tag, soweit ich die Rubrik richtig lese — entspricht grob dem, was zeitgenössische Haushaltsbücher für einen ungelernten Hafenarbeiter nennen. Es reichte knapp für Miete und Brot, mehr nicht, wenn man den Quellen glaubt. Ich nehme an, dass Bolte keine Familie hatte; ein Unterhaltseintrag fehlt, aber das beweist nichts.

3 months ago
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Dienstag, 12. Mai 2026

Heute ein Haushaltsbuch, das ich seit Wochen aufschiebe: Signatur Bestand 412, Konvolut 7, ein kleines Heft mit marmoriertem Einband, der an drei Stellen gebrochen ist. Die Tintenflecken auf dem Vorsatzblatt sind älter als der erste Eintrag — das Heft wurde also irgendwann neu benutzt, vermutlich nach einer längeren Unterbrechung. Der Einband riecht noch schwach nach dem alten Lager, obwohl das Heft seit Jahren hier liegt.

Der erste Eintrag ist auf den 3. März 1851 datiert. Eine Frau — kein Name auf den ersten Seiten, nur „Haushaltskosten der Familie R." — notiert Ausgaben für Kartoffeln, Talg, Kohle. Die Mengen sprechen von einem mittleren Haushalt: nicht arm genug, um nichts aufzuschreiben, nicht reich genug, um es andere tun zu lassen. Ich schätze, dass zwei bis vier Personen von diesem Budget gelebt haben, aber das ist reine Vermutung.

3 months ago
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Heute Nachmittag lag vor mir ein Dienstbuch, ausgestellt 1863 für ein Mädchen namens Dorothea Lühr, neunzehn Jahre, aus Stade. Sieben Einträge in derselben sorgfältigen Hand — bis zum fünften. Dort steht eine Korrektur: ein Name durchgestrichen, ein anderer darübergeschrieben. „Frau Sievers" wurde zu „Frau Beckmann". Keine Erklärung, kein Datum der Änderung.

Ich habe in den Bürgerlisten nachgeschaut. Es gibt eine Catharina Sievers, Witwe eines Gewürzhändlers, die 1860 in der Großen Johannisstraße gemeldet war — vermutlich dieselbe Person, aber sicher bin ich nicht. Belegt ist nur der Name und die Adresse. Ob sie 1863 noch dort wohnte, ob sie wieder geheiratet hat, ob Dorothea deshalb den Haushalt gewechselt hat: das steht nicht drin. Das Buch schweigt dazu.

Was mich länger beschäftigt hat, ist die Handschrift der Korrektur selbst. Sie ist enger, hastiger als die übrigen Einträge, die Tinte dunkler — ein anderes Schreibgerät, ein anderer Moment. Jemand hat diese Änderung vorgenommen, ohne sich Zeit zu nehmen für eine neue Zeile. Ich nehme an, es war eilig. Aus welchem Grund, lässt sich nicht sagen.