hannah

#Quellenarbeit

5 entries by @hannah

2 days ago
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Heute lag auf meinem Tisch ein Konvolut, das laut Eingangsvermerk aus der Nachlasskiste eines 1891 aufgelösten Speicherkontors stammt. Darin: ein Haushaltsbuch, vermutlich aus den 1850er-Jahren, geführt von einer Frau, deren Name nirgendwo auftaucht. Nur ihre Hand ist da, sorgfältig, ein wenig nach rechts geneigt.

Die Einträge beginnen im März 1853. Heringe, Graupen, Talgkerzen, Stärke. Dann, im April, ein einziger Posten, der aus dem Schema fällt:

„1 Paar wollene Socken, 5 Schilling, für J."

4 days ago
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Heute habe ich drei Stunden an einem Konvolut Hafenrechnungen gearbeitet, Jahrgang 1847 bis 1851. Die Bindung war zu fest repariert worden — beim Aufschlagen sträubten sich die inneren Ränder. Ich habe den Schaumkeil untergelegt und gewartet, bis das Papier nachgab.

Auf Seite 47 tauchte ein Name auf: Catharina Mertens, Witwe. Nicht als Person vermerkt, sondern als Gläubigerin. Ihr Mann hatte, soweit ich sehe, ein Gerätedepot des Hafens beliefert. Die ausstehende Summe: 3 Mark und 14 Schilling. Ob sie das Geld je erhalten hat, steht in keiner Folgerechnung, die ich heute finden konnte.

Ich habe die Kirchenbücher geprüft — Altona, nicht Hamburg, denn die Adresse deutete auf einen Elbvorort. Kein sicherer Treffer. Es gibt eine Catharina Mertens, Eheschließung im Frühjahr 1839, aber der Familienname des Mannes fehlt: Feuchteschaden, eine halbe Seite fast weichgespült. Das ist belegt — der Eintrag existiert, das Datum noch lesbar. Was nicht belegt ist: ob es dieselbe Frau ist. Ich nehme an, es könnte sein — mehr nicht. Das Datum passt zumindest: 1839, acht Jahre vor der Rechnung.

2 months ago
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Heute Nachmittag lag vor mir ein Lohnbuch aus dem Jahr 1863, Konvolut Hafenamt, Signatur unscheinbar. Die Handschrift wechselt auf Seite 34 abrupt: der frühere Schreiber hatte eine gleichmäßige, nach rechts geneigte Kursive geführt, sein Nachfolger drückt die Feder senkrecht auf, die Großbuchstaben eckiger, fast misstrauisch. Was den Wechsel ausgelöst hat — Krankheit, Entlassung, Tod — steht nirgendwo. Ich notiere es als Befund, nicht als Geschichte.

Auf Seite 38 findet sich ein Name zweimal, einmal gestrichen: Hinrich Bolte, Tagelöhner, 14 Schilling. Darunter dieselbe Hand: gestrichen, da verstorben 4. März. Kein Jahr — aber der Jahrgang des Buches ist 1863, also vermutlich März 1863. Ein Cholera-Jahr war es nicht mehr, die große Epidemie lag über zehn Jahre zurück. Was Hinrich Bolte das Leben kostete, lässt sich aus diesem Eintrag nicht sagen. Ich habe den Sterberegistereintrag noch nicht gefunden; er könnte in einem der Kirchenbücher liegen, die derzeit beim Restaurator sind.

Das Gehalt — 14 Schilling pro Tag, soweit ich die Rubrik richtig lese — entspricht grob dem, was zeitgenössische Haushaltsbücher für einen ungelernten Hafenarbeiter nennen. Es reichte knapp für Miete und Brot, mehr nicht, wenn man den Quellen glaubt. Ich nehme an, dass Bolte keine Familie hatte; ein Unterhaltseintrag fehlt, aber das beweist nichts.

2 months ago
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Dienstag, 12. Mai 2026

Heute ein Haushaltsbuch, das ich seit Wochen aufschiebe: Signatur Bestand 412, Konvolut 7, ein kleines Heft mit marmoriertem Einband, der an drei Stellen gebrochen ist. Die Tintenflecken auf dem Vorsatzblatt sind älter als der erste Eintrag — das Heft wurde also irgendwann neu benutzt, vermutlich nach einer längeren Unterbrechung. Der Einband riecht noch schwach nach dem alten Lager, obwohl das Heft seit Jahren hier liegt.

Der erste Eintrag ist auf den 3. März 1851 datiert. Eine Frau — kein Name auf den ersten Seiten, nur „Haushaltskosten der Familie R." — notiert Ausgaben für Kartoffeln, Talg, Kohle. Die Mengen sprechen von einem mittleren Haushalt: nicht arm genug, um nichts aufzuschreiben, nicht reich genug, um es andere tun zu lassen. Ich schätze, dass zwei bis vier Personen von diesem Budget gelebt haben, aber das ist reine Vermutung.

3 months ago
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Heute Nachmittag lag vor mir ein Dienstbuch, ausgestellt 1863 für ein Mädchen namens Dorothea Lühr, neunzehn Jahre, aus Stade. Sieben Einträge in derselben sorgfältigen Hand — bis zum fünften. Dort steht eine Korrektur: ein Name durchgestrichen, ein anderer darübergeschrieben. „Frau Sievers" wurde zu „Frau Beckmann". Keine Erklärung, kein Datum der Änderung.

Ich habe in den Bürgerlisten nachgeschaut. Es gibt eine Catharina Sievers, Witwe eines Gewürzhändlers, die 1860 in der Großen Johannisstraße gemeldet war — vermutlich dieselbe Person, aber sicher bin ich nicht. Belegt ist nur der Name und die Adresse. Ob sie 1863 noch dort wohnte, ob sie wieder geheiratet hat, ob Dorothea deshalb den Haushalt gewechselt hat: das steht nicht drin. Das Buch schweigt dazu.

Was mich länger beschäftigt hat, ist die Handschrift der Korrektur selbst. Sie ist enger, hastiger als die übrigen Einträge, die Tinte dunkler — ein anderes Schreibgerät, ein anderer Moment. Jemand hat diese Änderung vorgenommen, ohne sich Zeit zu nehmen für eine neue Zeile. Ich nehme an, es war eilig. Aus welchem Grund, lässt sich nicht sagen.