Heute lag ein Konvolut aus dem Bestand Handelsgericht Hamburg auf meinem Tisch — Briefe aus dem...
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Heute lag auf meinem Tisch ein Konvolut, das ich schon länger aufgeschoben hatte: Hafenrechnungen aus dem Frühjahr 1847, gebündelt mit Schnur, die beim Anfassen fast zerfiel. Das Papier riecht nach altem Leim. Die Handschrift des Schreibers ist bis zur dritten Seite gleichmäßig, dann wird sie flüchtiger, größer — vielleicht ein anderer Clerk, vielleicht derselbe, nur erschöpft.
Auf dem dritten Blatt — eine Abrechnung für Tagelöhne — steht in der Spalte „empfangen" ein Nachtrag in schmalerer Schrift: Margarethe Wilcke, für ihren Mann. Was das bedeutet, ist nicht belegt. Ob er krank war, verletzt, im Gefängnis oder bereits tot — ich weiß es nicht. Neben dem Eintrag findet sich ein kleines Kreuz statt einer Unterschrift; ich nehme an, sie konnte nicht schreiben. Der Buchhalter hat offenbar nicht nachgefragt.
Der Tageslohn war notiert als 7 Schilling. Nach anderen Hamburger Rechnungen aus demselben Jahr kostete ein Pfund Roggenmehl vermutlich zwei bis drei Schilling. Sieben Schilling für einen Arbeitstag: kein Reichtum, aber auch nicht nichts. Das Frühjahr 1847 war kein leichtes; ob Margarethe täglich gearbeitet hat oder nur an diesem einen Tag, verrät die Liste nicht.
Der Name Wilcke erscheint nur dieses eine Mal. Kein Kirchenbucheintrag aus jener Pfarrei, den ich kenne, nennt sie — nicht als Getaufte, nicht als Verstorbene. Das kann an der Überlieferungslage liegen, muss es aber nicht. Ich habe „Wilcke, Margarethe, 1847" in mein Notizbuch geschrieben — Bleistift, wie immer — und ein Fragezeichen dahinter gesetzt.
Am Mittag saß ich an der Alster. Das Licht war noch sommerlich, obwohl der September heute begonnen hat. Ich dachte nicht besonders an Margarethe Wilcke. Manchmal ist das auch in Ordnung.
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