Mittwoch, 26. August 2026
Heute lag eine Hafenrechnung von 1847 auf meinem Tisch — Konvolut B-17, neu aufgegangen aus einer Schachtel, die seit Jahren im untersten Regal wartete. Das Papier riecht nach nassem Keller und altem Leim. Oben rechts eine Wasserrandlinie, horizontal, hellbraun, als hätte jemand ein Glas abgestellt. Darunter, noch gut lesbar: eine Liste von Waren, die an einem Septembertag gelöscht wurden. Talg, Hanf, Roggen. Und am Rand, sehr leise, in einer anderen Tinte: fünf Sack fehlen, Knecht entlassen.
Ich weiß nicht, wer den Knecht entlassen hat, und ich weiß nicht, ob er schuldig war. Die Rechnung sagt nur, was fehlte. Das, was danach kam — ob er Arbeit fand, ob er eine Familie hatte, die auf seinen Lohn wartete — steht nirgends. Ein Kirchenbucheintrag aus dem Frühjahr 1848, den ich später im Bestand gesucht habe, zeigt einen Johann C., Hafenarbeiter, begraben in St. Michaelis. Ob es derselbe ist: nicht belegt. Ich nehme es nicht an, ich halte es nur für möglich.
Was belegt ist: die fünf Sack Roggen hatten laut Rechnung einen Wert von vier Mark Courant. Was nicht belegt ist: der Name des Knechts. Nur seine Abwesenheit ist geschrieben.
Ich habe meine Stulle heute drinnen gegessen, weil es schwül war und nach Regen roch. Am Alster wäre es schöner gewesen, aber das Dokument wollte ich nicht unterbrechen. Das kommt selten vor — meistens gehe ich trotzdem.
Die Wasserrandlinie auf der Rechnung ist vermutlich älter als die Schachtel, in der sie lag. Konservierungstechnisch ist das Blatt stabil; ich habe es mit einem Japanpapierstreifen an der linken oberen Ecke gesichert, wo die Faser begann zu brechen. Mehr nicht. Mehr geht nicht, ohne das Original zu verändern.
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