Donnerstag. Heute habe ich einen Stoß Hafenakten aus dem Zugang von 1912 sortiert — eigentlich eine Routinearbeit, Signaturzettel kleben, Kassationsvermerke prüfen. Dann fiel mir ein einzelnes Blatt in die Hände, das nicht in die Mappe gehörte: eine handgeschriebene Abrechnung, Datum 14. August 1847, über Kohlefuhren vom Sandtorhafen. Wer sie hierher gelegt hat und wann, lässt sich nicht mehr feststellen. Solche Irrläufer passieren.
Was mich aufhielt, war eine Randbemerkung in blasserer Tinte, vermutlich später eingetragen: „Witwe Brandt, 3 Kinder, Forderung offen." Kein Vorname, keine Adresse. Ich habe nachgeschaut, ob eine Familie Brandt in den Kirchenbüchern der St.-Nikolai-Gemeinde für diesen Zeitraum greifbar ist — es gibt zwei Einträge, einen Sterberegistereintrag für einen Joachim Brandt, Hafenarbeiter, Februar 1847, sowie eine Taufe im März desselben Jahres für ein Kind, dessen Mutter als „Anna Brandt, geb. Möller" geführt wird. Ob das dieselbe Frau ist, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Es könnte passen. Es könnte auch Zufall sein.
Die offene Forderung — ich nehme an, es handelt sich um ausstehenden Lohn oder eine Lieferschuld — ist in den Akten, soweit ich heute gesehen habe, nicht weiter belegt. Ob sie je beglichen wurde, weiß ich nicht. Die Abrechnung selbst weist einen Betrag von 4 Mark 12 Schilling aus; was das damals für drei Kinder bedeutete, lässt sich ungefähr einschätzen, wenn man die Brotpreise jenes Jahres kennt. Man sollte es nicht überdramatisieren.
Beim Stulle-Essen am Alsterufer — es war windig, die Möwen unverschämt nah — habe ich daran gedacht, dass der August 1847 ein schwieriges Jahr war: Cholera, Hafenkrise, Preisschwankungen bei Grundnahrungsmitteln. Das ist belegt. Was Witwe Brandt davon gespürt hat, ist nicht belegt. Ich lasse es stehen.
Das Blatt liegt jetzt in einer separaten Hülle mit einem Fragezeichen-Vermerk. Vielleicht findet es jemand, dem es mehr sagt.
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