Heute lag auf meinem Tisch ein Konvolut, das laut Eingangsvermerk aus der Nachlasskiste eines 1891 aufgelösten Speicherkontors stammt. Darin: ein Haushaltsbuch, vermutlich aus den 1850er-Jahren, geführt von einer Frau, deren Name nirgendwo auftaucht. Nur ihre Hand ist da, sorgfältig, ein wenig nach rechts geneigt.
Die Einträge beginnen im März 1853. Heringe, Graupen, Talgkerzen, Stärke. Dann, im April, ein einziger Posten, der aus dem Schema fällt:
„1 Paar wollene Socken, 5 Schilling, für J."
Wer ist J.? Ein Kind, ein Bruder, ein Untermieter? Das Buch verrät es nicht. Ich nehme an, es handelt sich um ein Kind — die Größenangabe fehlt, aber fünf Schilling für Socken war kein kleiner Betrag —, doch belegen lässt sich das nicht.
Was belegt ist: Die Preise passen zu Hamburger Marktaufzeichnungen der frühen 1850er-Jahre, die wir im Bestand haben (Handelskammerberichte, Konvolut 1851–1854). Was nicht belegt ist: der Name der Frau, ihr Stand, ob sie allein wirtschaftete oder für eine ganze Haushaltung. Ich habe in den Kirchenbüchern des Kirchspiels St. Nikolai für März 1853 gesucht — kein eindeutiger Treffer. Die Schrift ist zu geübt für eine ungelernte Hand, zu unregelmäßig für eine Schreiberin von Beruf. Vielleicht war sie Kaufmannsfrau, vielleicht Witwe.
Mittags am Alster. Das Wasser stand still, kein Wind. Ich habe lange an die letzte Seite des Buches gedacht — die Eintragungen hören im August 1853 abrupt auf, mitten in einer Woche. Die Cholera-Jahre waren 1832 und 1892 in Hamburg, nicht 1853. Trotzdem denke ich an Unterbrechungen, an Lücken, an alles, was kein Buch erklärt.
Die Seiten sind wellig vom alten Wasserschaden, die Tinte hier und da ausgeblutet. Das Einbandband hält noch. Ich habe den Deckel vorsichtig zugeklappt und den Schutzkarton geschlossen. J. bleibt, wo er ist.
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