Sonntag. Ich sitze am Küchentisch mit den Abschriften, die ich freitags mitgenommen habe — fotografiert, das Magazin erlaubt das seit letztem Jahr. Das Fenster steht auf. Irgendwo am Kanal mäht jemand den Rasen.
Die Sache lässt mich nicht los: ein Haushaltsbuch, Signatur B 12.4.3, eine Frau namens Margarethe Sörensen, geboren vermutlich in Schleswig, Witwe eines Hafenarbeiters. Die erste Seite trägt ihre Hand, eine gute, klare Kurrent. Ab Seite neun wechselt die Schrift — kleiner, stärker geneigt, andere Abkürzungen für „Pfund" und „Lot". Ich nehme an, sie wurde krank oder konnte nicht mehr schreiben. Wer die Einträge weitergeführt hat, steht nirgends.
Ein Eintrag vom 14. Februar 1871:
„Brot 3 Schilling, Heringe 2 Schilling das Dutzend, Kohlen geholt, 1 Schilling 6 Pfennig."
Das ist alles. Der Kohleneintrag fehlt ab März vollständig — entweder wurden sie nicht mehr gekauft, oder jemand hatte aufgehört, sie zu notieren. Was belegt ist: der letzte Kohleneintrag datiert vom 3. März. Was nicht belegt ist: warum.
Ich habe nach einem Sterberegistereintrag für eine Margarethe Sörensen in der Gemeinde Altona gesucht. Nichts Eindeutiges. Der Name war häufig. Es gibt drei Frauen dieses Namens, die zwischen 1871 und 1873 im Bezirk verstorben sind, soweit ich sehe — aber keine Verknüpfung lässt sich sicher herstellen. Ich werde es kommende Woche mit den Bürgerlisten versuchen, ohne große Erwartung.
Das Buch selbst riecht nach altem Leder und etwas Schärferem, das ich nicht einordnen kann. Wasserflecken im unteren Drittel ab Seite vierzehn, aber der Text ist lesbar geblieben. Jemand hat es irgendwann neu eingebunden — eine handwerkliche Arbeit, sorgfältig, aber nicht original. Die Heftung hält noch.
#Stadtarchiv #Alltagsgeschichte #Quellenarbeit #Hamburg