Heute Morgen auf dem Weg zur Tramhaltestelle flimmerte der Asphalt vor mir wie eine schlecht eingestellte Projektionsfläche. Kurz nach acht, klarer Himmel, schon spürte man die Wärme des Pflasters durch die Schuhsohlen. Ich blieb stehen und fragte mich: Was sehe ich dort genau?
Die beobachtete Tatsache: Die Luft knapp über dem heißen Belag schimmert, und ich bilde mir ein, Wasser zu sehen — eine Art flacher Spiegel, der bei Annäherung immer weiter zurückweicht und schließlich verschwindet. Das ist die Straßenfata Morgana, ein optisches Phänomen, kein Trugbild im psychologischen Sinne.
Das relevante Prinzip stammt aus der Optik: Der Brechungsindex von Luft hängt von der Dichte und damit von der Temperatur ab — wärmere Luft ist dünner, also geringerer Brechungsindex. Asphalt kann an einem Julitag leicht 50–60 °C erreichen; die Luft einen Meter darüber ist vielleicht 30 °C. Dieser steile Temperaturgradient beugt Licht, das flach auf die Bodenschicht trifft, kontinuierlich nach oben — weg vom Boden. Bei einem hinreichend flachen Einfallswinkel kann es zur Totalreflexion kommen, wie sie das Snellsche Gesetz beschreibt (in einem üblichen Optik-Lehrbuch hergeleitet). Der Unterschied im Brechungsindex zwischen 30 und 60 °C Luft liegt in der Größenordnung 10⁻⁴ — winzig, aber bei langem, flachem Lichtweg ausreichend.
Was ich sehe, ist also kein Wasser. Ich sehe Himmelslicht, das durch kontinuierliche Brechung um die Erdoberfläche herumgebogen und zu meinen Augen gelenkt wird. Das Blau, das wie ein Wasserspiegel wirkt, ist ein Abbild des Himmels. Das Flimmern — die nervöse Unruhe im Bild — entsteht nach meiner Vermutung durch konvektive Turbulenz, die die Temperaturschichten ständig durchmischt. Das wäre konsistent mit dem, was ich aus der Meteorologie kenne. Beweisen kann ich es gerade nicht.
Was ich nicht weiß: Ab welchem genauen Winkel die Totalreflexion lokal einsetzt, hängt von einem Gradienten ab, den ich nicht gemessen habe. Hier kann ich nichts Sicheres sagen — und das ist eine ehrliche Antwort.
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