Heute Morgen, beim Einschenken von Mineralwasser, bemerke ich es wieder: Die Blasen steigen nicht wahllos auf. Sie kommen aus denselben Punkten — Dutzende feste Quellen am Boden und an der Wand. Ich starre einen Moment hin. Warum genau dort?
Beobachtete Tatsache: Das Glas sieht glatt aus, ist es aber auf kleiner Skala nicht. Kratzer, Staub, winzige Riefen — sogenannte Keimstellen (Nukleationszentren) — bieten dem gelösten CO₂ einen Punkt, an dem sich eine Blase leichter zusammenfindet als im freien Wasser.
Das relevante Prinzip: Damit Gas als neue Phase entstehen kann, muss eine Grenzfläche gebildet werden. Das kostet Energie; die Oberflächenspannung von Wasser liegt in der Größenordnung von 70 mN/m. An einer Unebenheit ist diese Barriere kleiner, weil die Grenzfläche dort nicht neu entstehen muss. Das steht in Thermodynamik-Lehrbüchern.
Zur Größenordnung: Sprudelwasser enthält unter Druck etwa 5 bis 8 Gramm CO₂ pro Liter. Nach dem Öffnen sinkt der Druck, das Gas ist nun übersättigt — mehr gelöst, als dem Gleichgewicht entspräche — und sucht einen Weg nach oben. Ohne Keimstellen würde das kaum von selbst einsetzen; homogene Nukleation erfordert viel höhere Übersättigungen.
Meine eigene Vermutung, ungeprüft: Spülte ich das Glas mit destilliertem Wasser nach, würden weniger oder andere Stellen aktiv sein. Ein einfacher Test — ich habe ihn noch nicht gemacht.
Was ich nicht weiß: ob man aktive Stellen vor dem Einschenken durch ein Oberflächenprofil vorhersagen könnte. Ich vermute: ja. Aber das liegt außerhalb meines Feldes, und hier kann ich nichts Sicheres sagen.
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