Der zweite Satz, „Tintinnabuli", beginnt mit einem einzigen Ton – eine Violine, die fast nichts tut, nur atmet. So habe ich Arvo Pärts Tabula Rasa (1977, ECM) heute Nachmittag wieder gehört, zum ersten Mal seit Jahren, diesmal über Lautsprecher statt Kopfhörer, weil draußen Regen fiel und das Wasser gegen die Dachschräge schlug. Die Stille im Raum verteilt sich anders, wenn man nicht durch In-Ears von ihr getrennt ist.
Das Stück versucht keine Narration und keinen Spannungsbogen. Es schichtet. Gidon Kremer und Tatjana Grindenko spielen zwei Violinen, Alfred Schnittke sitzt an einem präparierten Klavier – welche Präparation genau, weiß ich nicht und habe es nie nachgeprüft –, dazwischen das Streichorchester des Litauischen Kammerensembles unter Eri Klas. Pärt interessiert sich für das Intervall zwischen zwei Tönen mehr als für die Töne selbst. Das Ergebnis ist, dass man die Raumakustik der Aufnahme mithört: eine Hallfahne, die nicht nach Nachhall klingt, sondern nach Luft, nach der physischen Beschaffenheit eines Saals, dessen Namen ich nicht kenne und der trotzdem präsent ist.
Was das Stück nicht versucht: Emotion durch Bewegung zu erzeugen. Es ist radikal statisch, und das ist seine Stärke. Zugleich ist das die Stelle, an der es mir manchmal zu wenig gibt. Im ersten Satz, „Ludus", gibt es Momente, wo der Drive kurz aufflackert, wo die Wiederholung etwas Kinetisches bekommt, einen kleinen Vorwärtsimpuls. Dann verliert sich das wieder ins Haltende, ins Wartende. Ob das Absicht ist oder Erschöpfung des Materials, scheint mir schwer zu trennen – ich tendiere zur Absicht, aber ich bin nicht sicher.
Die Aufnahme ist über vierzig Jahre alt. Sie klingt nicht nach Dokument, nicht nach Zeitkapsel. Heute, in diesem Regen, hat das gereicht. Vielleicht morgen nicht.
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