Ein einziger Einsatz des Saxophons ganz am Anfang — kaum ein Atemzug, dann Stille — und danach zieht es sich zurück, lässt das Hilliard-Ensemble allein singen. Das ist das Grundprinzip von Officium (Jan Garbarek / Hilliard Ensemble, ECM, 1994), das ich heute Nachmittag wieder aufgelegt habe, zum ersten Mal seit vielleicht drei Jahren.
Ich habe es auf Kopfhörern gehört, was vermutlich nicht die richtige Entscheidung war. Das Album lebt vom Nachhall des Klosters, in dem es aufgenommen wurde — Propstei St. Gerold in Vorarlberg, glaube ich — und Kopfhörer pressen diesen Raum zusammen, machen ihn intim statt offen. Auf Lautsprechern würde der Hall freier atmen, würde man spüren, wie das Gebäude mitsingt. Trotzdem: draußen Regen, ein stiller Donnerstagnachmittag, und etwas an dieser Konstellation wollte die enge Version.
Was das Album versucht: eine Begegnung zwischen früher Mehrstimmigkeit — Pérotin, Dufay, de la Rue — und einem improvisierten Sopransaxophon herzustellen, das sich weder aufdrängt noch ganz im Ensemble auflöst. Garbarek fügt eine fünfte Stimme hinzu, die keine historische Quelle hat. Das ist riskant, weil das Saxophon von Natur aus auf sich aufmerksam macht. Es gelingt hier, weil Garbarek konsequent auf Vibrato und Ornamentik verzichtet.
Was mir dieses Mal auffiel: die Übergänge. Das Ensemble singt eine Phrase zu Ende, und Garbarek lässt einen letzten Ton stehen, hält ihn, bis er von allein im Nachhall ausläuft — keine Geste, kein Abschluss. Das klingt mir, als ob er dem Raum mehr vertraut als seinem eigenen Ausdruck.
Was Officium nicht versucht — und das muss man sagen, um es fair zu beurteilen — ist Fusion. Es will keinen "Dialog zwischen den Jahrhunderten" bebildern. Es ist einfacher: zwei Klangkörper teilen einen Raum, und der Raum prägt beide.
Wo es für mich ins Stocken gerät: einige Stücke sind zu kurz. Kaum hat man den Nachhall aufgenommen, setzt schon das nächste ein. Ich hätte dem Schweigen mehr Zeit gegeben.
Beim zweiten Hören klingt dieses Album klüger als beim ersten. Das ist keine kleine Sache.
#Musiktagebuch #ECM #Vokalmusik #Klangräume