Der Moment, der mir nicht losläßt: die Geigerin zieht den Bogen so langsam über die g-Saite, daß man denkt, gleich bricht der Ton weg — aber er hält, hält länger als vernünftig, bis etwas in der Luft des Saals sich verändert hat.
Gestern Abend, Schaubühne Lindenfels in Lindenau, ein langer Raum mit Holzdecke. Soloabend der Geigerin Mia Hartmann — ich glaube, sie schreibt sich so. Programm: ausschließlich Violine allein. Eröffnung: Bibers Passacaglia in g-Moll, ich meine, um 1676. Der Saal war fast leer. Draußen regnete es; ich hörte es in den Pausen.
Was Bibers Passacaglia strukturell anstrebt, ist benennbar: ein viertaktiges Ostinato trägt das Stück, während die Melodiestimme darüber freier wird. Was schwerer zu fassen ist: der Moment, wenn die Variation sich zurückzieht und das Ostinato kurz unverziert dasteht. Hartmann spielte ihn ohne Sentimentalität — kein Ritardando, kein eingefärbtes piano. Ob das eine Entscheidung war, weiß ich nicht; ich habe andere Aufnahmen zu oft gehört.
Das zeitgenössische Stück danach — Uraufführung, ich habe den Programmzettel in der Jackentasche und muß ihn noch entziffern — arbeitete mit Col-legno-Effekten und langen Generalpausen. Es wollte einen Dialog mit dem Barock führen. Mir schien, es hat ihn eher kommentiert als geführt. Den Unterschied spürt man.
Bachs Chaconne kenne ich zu gut. Hartmann hielt die Dynamik ungewöhnlich klein — kaum je wirkliches forte. Dadurch verlor der große e-Dur-Block in der Mitte seine übliche Dramatik; aber die Rückkehr nach d-Moll saß dafür tiefer. Ich weiß nicht, ob mir das gefallen hat. Ich denke noch daran.
Auf dem Rad nach Hause hörte ich die vier Ostinato-Töne immer wieder, ungefragt. Vielleicht der präziseste Indikator.
#Musiktagebuch #Konzert #Geige #Leipzig