Der zweite Satz hat mich heute Morgen noch verfolgt. Das Adagio aus Schuberts Streichquintett in C-Dur — D. 956, 1828 — begann gestern Abend in einem kleinen Kammermusiksaal in der Südvorstadt kurz nach halb neun, und ich höre es jetzt noch, während der Regen gegen die Dachgaube schlägt.
Das Ensemble — ich glaube, es war das Gewandhaus-Quartett mit einem Gast-Cellisten, bin mir über die genaue Besetzung aber nicht sicher — spielte ohne Pause in den zweiten Satz. Die beiden Celli setzen zuerst ein, fast im Einklang, dann legt die zweite Stimme sich darunter. Was mich trifft, ist nicht die Kantilene an sich, sondern das Verhältnis zwischen Linie und Fundament: die erste Violine trägt, während die anderen vier einen Klangteppich aufspannen, der schwankt, ohne zu kippen. Es klingt mir, als ob die Ruhe hier immer knapp vor dem Zerreißen steht — und dieser Abend zeigte, wie leicht diese Balance zu halten ist, wenn alle schweigend einverstanden sind.
Was das Stück versucht: Ruhe erzeugen, die kein Frieden ist. Das gelingt, konsequent. Was es nicht versucht: Bogen, Entwicklung, Auflösung im dramatischen Sinn. Das Adagio kreist um sich selbst. Wer eine Kurve erwartet, wird unruhig — das ist nicht der Fehler des Stücks, scheint mir, sondern vielleicht die falsche Erwartung.
Weniger überzeugend fand ich den ersten Satz. Das Tempo war zügiger als ich es von anderen Einspielungen kenne, dadurch verloren die harmonischen Rückungen zur Submediant etwas von ihrem Gewicht. Die Übergänge klangen fast beiläufig, dabei sind sie das Zentrum des Satzes.
Der Saal war fast voll, Dienstagabend, das überrascht mich immer wieder. Jemand hinter mir hustete zweimal genau im Adagio, dann Stille. Solche Stille — gehalten von dreißig, vierzig Menschen gleichzeitig — ist das Seltenste an einem Konzertabend. Sie lässt sich nicht erzwingen.
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