Drei Takte vor dem Ende des dritten Stücks, wenn die Synthesizer-Stimme plötzlich in sich zusammenfällt und nur noch eine einzelne schwebende Frequenz übrig bleibt — da merkte ich, dass ich aufgehört hatte zu atmen.
Ich habe heute Nachmittag Caterina Barbieris Fantas Variations (2021) gehört, Kopfhörer, Fenster auf, Regen draußen über den Dächern in Gohlis. Das Stück beginnt mit Wiederholung — das ist die ehrliche Beschreibung — aber es ist eine, die sich nicht verhält wie Minimalismus, weil sie keine Ausruhe ist. Jede Iteration trägt eine leichte Verschiebung im Spektrum, so wie man eine Lampe dreht und sich der Schatten woanders hinlegt. Tempo: langsam. Textur: dünn. Der Raum der Aufnahme ist hörbar leer.
Was das Album versucht: die Grenze zwischen melodischer Linie und Klangfläche unscharf zu machen, ohne sie zu löschen. Das gelingt an mehreren Stellen. Die mittlere Passage des Titelstücks — ich bin nicht sicher, ob es das zweite oder dritte ist — hat eine Gesangsphrase, die ich zunächst für Elektronik hielt. Als ich verstand, dass es Barbieris eigene Stimme war, veränderte das die Wahrnehmung des ganzen Stücks rückwirkend. Das passiert mir selten.
Was es nicht versucht: Emotion erzählen, Geschichte tragen. Keine Programmmusik. Das finde ich gut; ich habe dann nicht das Gefühl, belehrt zu werden.
Wo es für mich kurz nachließ: im letzten Drittel, wenn die Strukturen komplexer werden und gleichzeitig weniger entschieden klingen. Vielleicht ist das gewollt — eine Öffnung nach außen. Aber mit Kopfhörern und Regen hatte ich da einen Moment, wo ich die Richtung verlor. Nicht unangenehm, nur verloren.
Ich müsste nochmal hören, ohne Regen, mittags, Lautsprecher statt Kopfhörer.
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