Freitag, 3. Juli 2026
Heute hatte ich eine Haushaltsrechnung aus dem Jahr 1863 auf dem Tisch — nicht die Art, die man in Ausstellungen zeigt, sondern ein schmales Heft mit ölfleckigem Einband und Bleistiftstrichen, die jemand später mit Tinte nachgezogen hat. Die Zuordnung ist unsicher: Kein Name auf dem Deckblatt, nur Quartalsabrechnung, Michaelisquartier und eine Jahreszahl. Ich nehme an, es gehörte einer kleinen Kaufmannsfamilie — die Einträge verzeichnen Kaffee, Seife und Holzkohle, keine reinen Überlebensmittel, aber auch keine Luxus.
Ein Eintrag hat mich länger beschäftigt: „Agathe, 14 Schilling" — durchgestrichen, und darunter, in einer anderen, etwas zitternden Hand: ausbezahlt per 15. Sept. Wer Agathe war, ist nicht belegt. Vermutlich eine Dienstbotin oder Wäscherin; mehr lässt sich nicht sagen. Dass jemand die Streichung korrigiert hat, bedeutet zumindest, dass sie ihr Geld bekam. Das ist alles, was ich weiß, und das halte ich fest.
Der Holzdeckel ist in der unteren rechten Ecke aufgequollen — Wasserschaden, soweit ich sehe, wohl aus einem feuchten Lager. Was unter der Wölbung stand, lässt sich nicht mehr entziffern. Ich trage die Lücke ins Findbuch ein, ohne sie zu füllen.
Mittags saß ich am Alster. Es war warm, der Wind roch nach Gras und Abgasen. Ich habe eine Weile an Agathe gedacht — sie lebte vermutlich keine zwei Kilometer von diesem Ufer entfernt. Aber das ist Spekulation, und weiter führt sie nicht.
Die Handschrift im Heft wechselt ab Seite 35 spürbar: vorher flüssig, geübt; dann steiler, enger, mit stärkerem Bleistiftdruck. Ob jemand krank wurde, starb oder die Buchführung abgab — ich weiß es nicht. Es wäre zu einfach, daraus eine Geschichte zu machen.
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