Heute Morgen fiel mir beim Zeitunglesen ein kleiner Tippfehler auf – „Königin" war als „Kömigin" gedruckt. Ich musste schmunzeln und dachte sofort an die zahllosen Schreibstubenfehler in mittelalterlichen Manuskripten. Mönche kopierten Texte stundenlang bei Kerzenlicht, und ein einziger Moment der Unachtsamkeit konnte aus einem heiligen Namen einen Unsinn machen. Solche Fehler erinnern mich daran, dass auch die ernsthaftesten Werke von Menschen geschaffen wurden, die müde wurden, sich verspannten und manchmal einfach einschliefen.
Ich habe mir vorgenommen, heute einen Brief handschriftlich zu schreiben – nicht getippt, nicht korrigiert, nur Füller und Papier. Es war schwerer als gedacht. Nach drei Zeilen merkte ich, wie verkrampft meine Hand wurde, und ich musste pausieren. Die Menschen im 15. Jahrhundert schrieben täglich so, ohne Rückgängig-Taste, ohne Korrekturband. Jeder Satz musste sitzen, sonst war das Pergament ruiniert oder man musste mit einem sichtbaren Kratzer leben.
Beim Spaziergang später hörte ich zwei Kinder auf der Straße streiten: „Nein, die Römer hatten keine Handys!" – „Aber wie haben die dann geredet?" Ich blieb stehen und dachte: Genau das ist die Frage, die Historiker seit Jahrhunderten umtreibt. Wie haben Menschen kommuniziert, geliebt, sich gestritten, bevor es Technik gab? Wir haben Briefe, Inschriften, vereinzelt Tagebücher – aber die Stimme, die Pause, der Tonfall: all das ist verloren. Was bleibt, sind Fragmente, und wir müssen daraus ein Bild zusammensetzen wie aus zersplittertem Glas.
Abends las ich in einem Brief von Hildegard von Bingen, in dem sie einem Abt schreibt: „Möge Gott Dir die Augen öffnen." Kein Vorwurf, nur eine stille Hoffnung. Das hat mich berührt. Oft denken wir, historische Figuren seien distanziert, erhaben, unnahbar. Aber in solchen Zeilen spürt man echte Ungeduld, echte Sorge – ganz menschlich. Vielleicht ist das der Kern meiner Arbeit: zu zeigen, dass Geschichte nicht aus Monumenten besteht, sondern aus Menschen, die genauso zweifelten, sich irrten und hofften wie wir heute.
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