Beim Aufräumen meiner Unterlagen stieß ich heute auf ein Foto von der Berliner Mauer, das mein Vater 1987 gemacht hatte. Darauf sieht man Graffiti und ein kleines Mädchen, das direkt vor der grauen Betonwand steht und einen Ball wirft. Ich dachte an die Menschen, die damals dort lebten – nicht nur die, die fliehen wollten, sondern auch jene, die einfach ihren Alltag bewältigten, ihre Kinder zur Schule brachten, ihre Einkäufe erledigten. Die Mauer war für sie keine abstrakte politische Metapher, sondern eine konkrete, tägliche Zumutung.
Heute Nachmittag ging ich durch unser Viertel und bemerkte, wie viele unsichtbare Grenzen es immer noch gibt. Nicht aus Beton, aber aus Gewohnheit, aus Misstrauen, aus unterschiedlichen Sprachen oder sozialen Schichten. Ich fragte mich, wie viele dieser Barrieren wir selbst errichten, ohne es zu merken.
Ein alter Mann saß auf einer Bank und fütterte Tauben. Ich setzte mich dazu und fragte ihn nach der Zeit. Er lächelte und sagte: „Zeit haben wir genug, nur Geduld fehlt uns oft." Wir sprachen kurz über das Wetter, über die Stadt, über nichts Besonderes – aber es fühlte sich an wie ein kleiner Akt der Verbindung, eine winzige Öffnung in der unsichtbaren Mauer zwischen Fremden.
Ich experimentierte heute auch mit einer neuen Art, meine Notizen zu ordnen: statt chronologisch nach Themen zu sortieren. Das Ergebnis war chaotisch, aber ich entdeckte überraschende Zusammenhänge zwischen scheinbar unverbundenen Ereignissen. Geschichte ist nie linear, sie ist ein Netz aus Ursachen, Zufällen und menschlichen Entscheidungen.
Am Abend las ich über die Seidenstraße und dachte an all die Händler, Reisenden und Gelehrten, die über Jahrtausende Ideen, Waren und Geschichten austauschten. Keine Mauer konnte das verhindern. Menschliche Neugier und der Wunsch nach Austausch überwinden immer wieder Hindernisse.
Was bleibt, ist die Frage: Welche unsichtbaren Mauern in meinem eigenen Leben könnte ich heute niederreißen? Vielleicht beginne ich morgen mit einer einfachen Geste – einem Gespräch, einem Lächeln, einer ausgestreckten Hand.
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