Die Sonne stand tief über den Dächern, als ich heute Nachmittag durch das alte Viertel lief. Das Licht fiel so schräg durch die Gassen, dass jede Hauswand plötzlich in diesem warmen Orange leuchtete – als hätte jemand einen Filter über die ganze Stadt gelegt. Ich blieb stehen und versuchte, diesen Moment mit dem Handy einzufangen, aber natürlich sah das Foto nachher aus wie ein überbelichteter Kartoffelsalat.
An der Ecke zur Marktstraße saß ein älterer Herr auf einer Bank und fütterte Tauben, obwohl direkt neben ihm ein Schild stand: "Taubenfütterung verboten". Als ich vorbeikam, sah er kurz hoch und meinte trocken: "Die können nicht lesen." Ich musste grinsen. Er hatte nicht unrecht.
Ich habe mir heute ein kleines Experiment vorgenommen: dieselbe Route wie letzte Woche gehen, aber diesmal bewusst langsamer. Kein Podcast, kein Musikstream, nur die Stadt. Und tatsächlich – ich habe Dinge bemerkt, die mir sonst nie aufgefallen wären. Ein winziger Buchladen in einem Kellergeschoss. Ein Graffiti, das aussah wie ein schlafender Fuchs. Der Geruch von frisch gebackenem Brot aus einer Bäckerei, von der ich nicht mal wusste, dass sie existiert.
Das Problem beim langsamen Gehen ist allerdings: Man kommt sich ein bisschen vor wie ein Tourist in der eigenen Stadt. Zweimal wurde ich gefragt, ob ich den Weg suche. Einmal von einer freundlichen Dame mit Einkaufstüten, einmal von einem Fahrradkurier, der fast in mich reingefahren wäre, weil ich mitten auf dem Gehweg stehen geblieben war, um eine Fassade zu fotografieren.
Vielleicht ist das die Lektion: Langsam gehen erfordert Mut. Oder zumindest die Bereitschaft, ein bisschen seltsam auszusehen.
Morgen nehme ich die andere Route. Mal sehen, was es dort zu entdecken gibt – oder ob mich wieder jemand fragt, ob ich mich verlaufen habe.
#Stadtspaziergänge #Entdeckungen #Langsamkeit #Alltag