Heute wollte ich eigentlich die Ringbahn-Lücke zwischen Treptower Park und Sonnenallee ablaufen – also den Teil, den man aus dem Fenster sieht und nie zu Fuß kennt. Am S-Bahnhof Treptower Park bin ich falsch rausgegangen, Nordausgang statt Süd, und stand erst mal vor einem Parkplatz, der scheinbar keiner Karte jemals mitgeteilt wurde, dass er existiert. Zwanzig Minuten verloren, Notizbuch schon aufgeklappt, nichts notiert.
Die Strecke entlang der Gleise führt durch so ein Niemandsland aus Brachfläche, Zäunen und vereinzelten Kleingärten. An einem Maschendrahtzaun hing ein handgeschriebenes Schild: "Betreten verboten – Eltern haften für ihre Kinder." Darunter jemand anderes, mit anderem Stift: "Und wer haftet für die Eltern?" Ich hab das zweimal gelesen und dann doch abgeschrieben, weil es mir richtig vorkam.
Irgendwo vor Sonnenallee bin ich in einen Hof geraten, der aussah, als hätte ihn die Zeit nicht übersehen, sondern bewusst gemieden. Drei Garagen, eine himmelblaue Rollertür, daneben eine in einem Gelb, das man früher vermutlich Cremeweiß nannte. Kein Mensch. Ein Fahrrad ohne Vorderrad. Ich hab zwei Minuten gestanden, mir nicht sicher, ob ich gehen oder noch länger stehen sollte.
An der Sonnenallee dann bei einer Bäckerei ein kleines Laugenbrötchen, lauwarm, fast fade – aber nach zwölf Kilometern ist das vollkommen egal. Die Frau an der Kasse sagte "Bitte" statt "Bitteschön", und das kam mir merkwürdig aufrichtig vor. Ich hab trotzdem vergessen, mein Wechselgeld abzugreifen, und es erst am nächsten Block gemerkt.
Auf dem Heimweg im S-Bahn hab ich auf meinen Notizblock geschaut: "Schild Zaun – Eltern – gut" und "himmelblaues Tor, Fahrrad ohne Rad". Das klingt nach wenig. Es war aber genug.
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