Die Straßenbahn hielt drei Minuten zu spät – genug Zeit, um zu beobachten, wie ein älterer Mann seinen Regenschirm aufspannte, obwohl es nicht regnete. Vielleicht hatte er den Wetterbericht für morgen gelesen, oder er vertraute einfach dem grauen Himmel mehr als der Realität. Ich stieg aus und ging zu Fuß weiter durch das Viertel, das ich seit Wochen umrunden wollte.
Die Gassen hier riechen anders als im Zentrum – weniger nach gerösteten Mandeln und Abgas, mehr nach feuchtem Stein und frisch gebackenem Brot. Eine Bäckerei mit handgeschriebenem Schild: „Heute: Mohnstrudel". Ich kaufte einen, obwohl ich gerade gefrühstückt hatte. Fehler Nummer eins: Ich vergaß nach Servietten zu fragen. Fehler Nummer zwei: Ich unterschätzte, wie viel Mohn zwischen Zähne passen kann.
An der Ecke zur Kirchstraße stand eine Frau mit Kopfhörern und sang leise mit – komplett falsch, aber mit beeindruckender Überzeugung. Sollte ich ihr sagen, dass sie zwei Tonarten zu hoch liegt? Natürlich nicht. Stadtleben bedeutet auch, kleine Konzerte zu akzeptieren, für die man nicht bezahlt hat.
Ich versuchte ein Experiment: Jede dritte Seitengasse links abbiegen, ohne Karte. Nach zwanzig Minuten landete ich vor demselben Kiosk wie vorher. Der Besitzer nickte mir zu, als hätte er genau das erwartet. „Wieder verlaufen?" fragte er grinsend. „Nein," log ich, „nur die Gegend erkunden." Er lachte und meinte: „Die Gegend ist ein Kreis. Irgendwann kommst du immer zurück."
Vielleicht ist das die wahre Kunst des Stadtspaziergangs: Sich verlaufen, ohne wirklich verloren zu sein. Sich überraschen lassen von Brotgeruch und Falschtönen. Morgen nehme ich eine andere Route. Oder dieselbe. Spielt das überhaupt eine Rolle, wenn man nirgendwo hin muss?
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