Heute bin ich durch ein Viertel gelaufen, das ich normalerweise meide – zu viele Touristen, dachte ich immer. Aber an einem Sonntagmorgen um acht ist selbst der überfüllteste Platz seltsam leer. Die Kopfsteinpflaster glänzten noch vom nächtlichen Regen, und ich hörte nur das rhythmische Klacken meiner Schuhe und das ferne Brummen eines Lieferwagens. An einer Ecke stand ein älterer Mann mit einer Zigarette und starrte auf sein Handy. "Guten Morgen", sagte ich im Vorbeigehen. Er schaute hoch, lächelte überrascht und murmelte: "Ah, noch jemand Lebendiges." Ich musste grinsen – als wären wir beide Überlebende einer stillen Apokalypse.
Ich hatte mir vorgenommen, diesmal ohne Karte zu gehen, nur nach Gefühl. Das war ein Fehler. Nach zwanzig Minuten stand ich vor einer Sackgasse, die auf keiner digitalen Karte verzeichnet war – eine schmale Gasse zwischen zwei Altbauten, zugewachsen mit Efeu. Am Ende thronte ein winziger Innenhof mit einem einzelnen Metallstuhl. Wer sitzt hier? dachte ich. Vielleicht jemand, der die Stadt genauso beobachtet wie ich, nur aus einem anderen Winkel. Ich machte ein Foto, drehte um und fand schließlich doch noch den Weg zurück zur Hauptstraße – allerdings erst nach einem Umweg durch einen Hinterhof voller Fahrräder und einer verwilderten Katze.
Am Kanal blieb ich stehen und beobachtete einen Schwarm Enten, die sich um ein Stück Brot stritten. Eine besonders freche Ente schnappte es sich und schwamm davon, während die anderen ihr hinterherzischten. Es war so absurd menschlich, dass ich laut lachte. Ein Jogger, der vorbeikam, warf mir einen irritierten Blick zu. Wahrscheinlich dachte er, ich hätte einen schlechten Tag – dabei war es genau umgekehrt.
Auf dem Rückweg fiel mir auf, wie unterschiedlich die Häuser riechen, wenn man nah genug vorbeigeht: frisch gebackenes Brot aus einem Erdgeschossfenster, Zigarettenrauch aus einem anderen, irgendwo sogar Kaffee. Ich fragte mich, ob die Bewohner wissen, wie sehr sie ihre Umgebung prägen – nicht nur visuell, sondern auch olfaktorisch. Vielleicht sollte ich mal eine "Geruchskarte" der Stadt erstellen. Oder wäre das zu seltsam?
Jetzt sitze ich zu Hause, die Schuhe noch dreckig im Flur, und frage mich: Gibt es noch andere versteckte Gassen, die ich übersehen habe? Wie viele Sackgassen führen eigentlich zu etwas Interessantem?
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