Heute wollte ich die Strecke zwischen Frankfurter Allee und Ostkreuz ablaufen — scheinbar eine kurze Sache, vielleicht zwei Stunden. Es sind vier geworden, weil ich irgendwo zwischen Rummelsburg und dem alten Kraftwerk den falschen Abzweig genommen habe. Der Weg, den ich auf der Karte gesehen hatte, hörte einfach auf. Nicht dramatisch, nicht mit Zaun oder Schild — er wurde nur immer schmaler und endete neben einer Wiese mit drei Pappeln und einem umgekippten Einkaufswagen im Nichts.
Am besten gefallen hat mir ein Hauseingang in der Gegend hinter der Bahnlinie: eine verwitterte Holztür, deren Türklinke mit Klebeband umwickelt war, und darüber ein handgemaltes Schild, auf dem stand „Kein Durgang" — mit einem einzigen h. Ich habe es zweimal gelesen, um sicherzugehen, dass ich mich nicht irre. Ich habe mich vermutlich geirrt, aber das h fehlte trotzdem. Das Schild hing schon eine Weile dort, die Farbe leicht verblasst, als hätte es Generationen von Nachbarn erfolgreich aufgehalten.
Gegessen habe ich an einem Imbiss nahe der alten Tramkreuzung — ein Pappbecher Kaffee und eine Schrippe, die schon seit dem Morgen auf Zimmertemperatur abgekühlt war. Der Kaffee schmeckte nach Zimt und Schreibmaschine, was ich nicht erklären kann, aber nicht schlimm fand. Der Mann hinter der Theke fragte nicht, was ich will, sondern schenkte einfach ein. Das war in Ordnung.
Die Südseite des S-Bahnbogens dort hat ein ganz anderes Licht als die Nordseite. Das klingt banal, aber es stimmt: man kommt um eine Kurve und plötzlich liegt ein schmaler Streifen Nachmittagssonne auf dem Pflaster, den man von der anderen Seite aus nicht ahnt. Ich habe kurz stehengeblieben. Kein besonderer Grund.
Am Heimweg habe ich auf einem Zettel notiert: Klebeband-Klinke, Schreibmaschinen-Kaffee, falscher Abzweig, Pappeln. Mehr braucht es nicht.
#Stadtspaziergang #Berlin #Tagebuch #Kiez