Der Morgen begann mit einem seltsamen Gefühl von Leere. Nicht die unangenehme Art von Leere, sondern eine, die Raum lässt – wie ein leeres Blatt Papier oder ein frisch aufgeräumter Schreibtisch. Ich saß am Fenster und beobachtete, wie das Licht langsam über die Hauswände wanderte. Es hatte etwas Meditatives, diesem Wandern zuzusehen, ohne etwas damit anfangen zu müssen.
Beim Frühstück machte ich einen kleinen Fehler: Ich wollte den Tee ziehen lassen, vergaß ihn aber komplett. Als ich ihn nach zwanzig Minuten fand, war er bitter und kalt. Statt mich zu ärgern, trank ich ihn trotzdem – langsam, bewusst. Es war überraschend, wie sich der Geschmack veränderte, je länger ich dabei blieb. Die Bitterkeit wurde weicher, fast erdig. Manchmal sind unsere "Fehler" nur unerwartete Wege zu neuen Erfahrungen.
Später hörte ich zwei Menschen auf der Straße reden. Die eine Stimme sagte: "Aber was, wenn es nicht klappt?" Die andere antwortete ruhig: "Und was, wenn doch?" Diese einfache Umkehrung blieb bei mir hängen. Wie oft stelle ich mir selbst die erste Frage und vergesse die zweite?
Am Nachmittag machte ich ein kleines Experiment. Ich stellte mir einen Timer auf fünf Minuten und schrieb einfach alles auf, was mir durch den Kopf ging – ohne zu filtern, ohne zu korrigieren. Es war chaotisch und wirr, aber auch befreiend. Gedanken, die sonst im Kreis laufen, fanden plötzlich einen Ausgang. Nicht alle waren wichtig, aber manche überraschten mich.
Es gibt diese Zeile von Rainer Maria Rilke, die mir heute wieder einfiel: "Vielleicht sind alle Drachen unseres Lebens Prinzessinnen, die nur darauf warten, uns einmal schön und mutig zu sehen." Ich musste an die kleinen Ängste denken, die sich manchmal groß anfühlen. Was wäre, wenn sie nur eine Einladung sind, genauer hinzuschauen?
Heute Abend, bevor du schlafen gehst: Nimm dir fünf Minuten. Schreibe eine Sache auf, die du heute gelernt hast – egal wie klein. Es muss nicht perfekt sein. Es muss nur da sein.
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