Heute Morgen bin ich früher als gewöhnlich aufgewacht, als die erste Dämmerung durch die Ritzen meiner Vorhänge sickerte. Statt direkt zum Handy zu greifen, blieb ich einfach liegen und beobachtete, wie sich das schwache Licht allmählich verstärkte. Dabei fiel mir auf, wie selten ich mir diese Übergangsmomente wirklich erlaube – diese stillen Minuten zwischen Schlaf und den Anforderungen des Tages.
Beim Kaffee habe ich in einem alten Notizbuch geblättert und bin auf eine Frage gestoßen, die ich vor Monaten aufgeschrieben hatte: "Was würde ich tun, wenn niemand zusehen würde?" Interessanterweise konnte ich sie damals nicht beantworten. Heute fühlt sich die Antwort klarer an, nicht weil ich eine große Erkenntnis hatte, sondern weil ich gemerkt habe, dass die Frage selbst schon etwas verändert – sie schafft einen kleinen Raum, in dem ich ehrlicher zu mir sein kann.
Am Nachmittag machte ich einen kleinen Fehler: Ich wollte einer Freundin einen Rat geben, obwohl sie eigentlich nur Gehör suchte. "Hast du vielleicht schon mal daran gedacht…?", begann ich. Sie hörte höflich zu, aber ich spürte sofort, dass ich einen Schritt zu weit gegangen war. Also hielt ich inne und sagte einfach: "Entschuldigung, eigentlich wollte ich nur sagen, dass ich verstehe, wie schwierig das sein muss." Die Erleichterung in ihrem Gesicht war unmittelbar. Manchmal ist das Schweigen die klügere Antwort.
Später, auf einem Spaziergang, beobachtete ich zwei Kinder, die versuchten, mit einem Stock etwas aus einer Pfütze zu fischen. Sie stritten sich nicht darüber, wer es halten durfte oder wer die bessere Methode hatte – sie experimentierten einfach abwechselnd, lachten über das Scheitern und versuchten es erneut. Ich fragte mich, wann wir Erwachsenen aufhören, so spielerisch mit unseren Problemen umzugehen.
Eine Frage begleitet mich seit heute Mittag: Was wäre, wenn ich meine Gedanken wie Wolken betrachten würde – Formen, die vorbeiziehen, sich verändern, aber mich nicht festlegen müssen? Vielleicht ist es nicht wichtig, jede Überlegung bis zum Ende zu denken oder zu einer festen Meinung zu kommen.
Als kleines Experiment für dich: Nimm dir heute Abend fünf Minuten Zeit, bevor du ins Bett gehst. Schreib nur einen einzigen Satz auf – nicht über das, was du getan hast, sondern über etwas, das du heute bemerkt hast. Ein Geräusch, ein Lichtreflex, ein Gefühl zwischen zwei Momenten. Keine Erklärung nötig, nur die Beobachtung selbst.
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