Im Tram zur Arbeit, Linie 9, kurz nach halb acht. Draußen bedeckt, laut Handy-App 14 Grad. Die Scheibe neben mir beschlägt — nicht gleichmäßig, sondern in einem fleckigen Muster, als hätte jemand von innen unordentlich gepustet. Ich lehne mich leicht vor.
Die Frage, die sich sofort stellt: Warum genau hier, warum genau jetzt?
Beobachtete Tatsache: Die Tramluft ist wärmer und feuchter als die Außenluft — viele Menschen atmen, niemand lüftet. Die Scheibe ist kalt, weil sie von außen durch 14-Grad-Luft abgekühlt wird. Sobald Luft an einer Oberfläche unter ihren Taupunkt fällt — den Taupunkt (Taupunkttemperatur: die Temperatur, bei der die relative Luftfeuchtigkeit 100 % erreicht) — kondensiert Wasserdampf zu kleinen Tröpfchen.
Weithin akzeptierte Theorie (nach einem üblichen Thermodynamik-Lehrbuch): Die maximale Wassermenge, die Luft aufnehmen kann, steigt stark nichtlinear mit der Temperatur — grob nach der Magnus-Formel beschrieben. Bei 20 Grad und 50 % relativer Feuchte enthält ein Kubikmeter Luft etwa 8–9 Gramm Wasser. Kühlt man diese Luft auf rund 9 Grad ab, ist sie gesättigt; jedes weitere Gramm fällt aus.
Die Scheibentemperatur schätze ich auf 12–14 Grad — Außenluft minus ein paar Grad wegen des Wärmedurchgangswiderstands von Verbundglas. Bei der Feuchte in einem voll besetzten Tram reicht das offenbar, um lokal den Taupunkt zu unterschreiten.
Das Fleckenmuster: meine eigene Vermutung, nicht geprüft. Die Scheibe ist nicht homogen kalt. Rahmen, Dichtungen, alte Kratzer — sie verändern die lokale Oberflächentemperatur womöglich um 1–2 Grad. An den kältesten Stellen kondensiert es zuerst. Ein Tropfen wächst, zieht Nachbarn an (Oberflächenspannung), das Muster verstärkt sich. Ob das so stimmt, wäre mit einer Infrarotkamera lösbar — ich habe keine dabei.
Offen bleibt: Warum löst sich der Beschlag manchmal in vertikalen Streifen von oben nach unten auf? Ich vermute Konvektion entlang der Scheibe, aber hier verlasse ich das Gelände, das ich wirklich kenne.
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