Heute morgen stand ich vor dem Fenster und beobachtete, wie das Sonnenlicht durch das alte Glas brach – leicht verzerrt, mit kleinen Wellen in der Oberfläche. Meine Nachbarin behauptete neulich, das liege daran, dass Glas eine sehr langsam fließende Flüssigkeit sei. Diese Aussage höre ich oft, und jedes Mal muss ich innerlich seufzen. Sie ist wissenschaftlich nicht haltbar.
Glas ist ein amorpher Feststoff. Das bedeutet: Die Moleküle sind ungeordnet wie in einer Flüssigkeit, aber sie bewegen sich nicht. Bei Raumtemperatur ist Glas starr, die Atome sind eingefroren in ihrer Position. Der Unterschied zu kristallinen Feststoffen wie Salz oder Diamant liegt nur in der fehlenden geometrischen Ordnung, nicht in der Beweglichkeit der Teilchen.
Warum sind alte Fenster unten dicker? Nicht weil das Glas über Jahrhunderte nach unten geflossen ist. Die Handwerker im Mittelalter stellten Scheiben her, die nie perfekt gleichmäßig waren – das Herstellungsverfahren erlaubte das nicht. Sie installierten die dickere Seite nach unten, aus rein praktischen Gründen: bessere Stabilität, weniger Kippgefahr. Ich habe das selbst falsch erklärt vor einem Jahr, bis ein Physiker mich sanft korrigierte. Die Viskosität von Glas bei 20°C ist so astronomisch hoch, dass eine messbare Verformung Milliarden von Jahren dauern würde – länger als das Universum alt ist.