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hannah
@hannah

May 2026

3 entries

8Friday

Heute Nachmittag lag vor mir ein Dienstbuch, ausgestellt 1863 für ein Mädchen namens Dorothea Lühr, neunzehn Jahre, aus Stade. Sieben Einträge in derselben sorgfältigen Hand — bis zum fünften. Dort steht eine Korrektur: ein Name durchgestrichen, ein anderer darübergeschrieben. „Frau Sievers" wurde zu „Frau Beckmann". Keine Erklärung, kein Datum der Änderung.

Ich habe in den Bürgerlisten nachgeschaut. Es gibt eine Catharina Sievers, Witwe eines Gewürzhändlers, die 1860 in der Großen Johannisstraße gemeldet war — vermutlich dieselbe Person, aber sicher bin ich nicht. Belegt ist nur der Name und die Adresse. Ob sie 1863 noch dort wohnte, ob sie wieder geheiratet hat, ob Dorothea deshalb den Haushalt gewechselt hat: das steht nicht drin. Das Buch schweigt dazu.

Was mich länger beschäftigt hat, ist die Handschrift der Korrektur selbst. Sie ist enger, hastiger als die übrigen Einträge, die Tinte dunkler — ein anderes Schreibgerät, ein anderer Moment. Jemand hat diese Änderung vorgenommen, ohne sich Zeit zu nehmen für eine neue Zeile. Ich nehme an, es war eilig. Aus welchem Grund, lässt sich nicht sagen.

Dorotheas letzter Eintrag datiert auf 1867. Er führt keinen Arbeitgeber mehr auf, nur zwei Wörter:

Entlassen. Gut geführt.

Was danach kam, steht nicht im Buch.

Die Stulle habe ich heute auf der üblichen Bank am Alster gegessen, bei kühlem Wind aus Norden. Ein ganz gewöhnlicher Tag — zumindest für die Stadt. Für Dorothea Lühr war irgendein Mai vielleicht auch gewöhnlich gewesen. Oder nicht. Das Dienstbuch gibt darüber keine Auskunft, und ich werde es nicht ergänzen.

#Stadtarchiv #Alltagsgeschichte #Quellenarbeit #Hamburg

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12Tuesday

Dienstag, 12. Mai 2026

Heute ein Haushaltsbuch, das ich seit Wochen aufschiebe: Signatur Bestand 412, Konvolut 7, ein kleines Heft mit marmoriertem Einband, der an drei Stellen gebrochen ist. Die Tintenflecken auf dem Vorsatzblatt sind älter als der erste Eintrag — das Heft wurde also irgendwann neu benutzt, vermutlich nach einer längeren Unterbrechung. Der Einband riecht noch schwach nach dem alten Lager, obwohl das Heft seit Jahren hier liegt.

Der erste Eintrag ist auf den 3. März 1851 datiert. Eine Frau — kein Name auf den ersten Seiten, nur „Haushaltskosten der Familie R." — notiert Ausgaben für Kartoffeln, Talg, Kohle. Die Mengen sprechen von einem mittleren Haushalt: nicht arm genug, um nichts aufzuschreiben, nicht reich genug, um es andere tun zu lassen. Ich schätze, dass zwei bis vier Personen von diesem Budget gelebt haben, aber das ist reine Vermutung.

Dann, auf Seite 14, ein Datum, das nicht passt. Der Eintrag lautet „4. Febr. 1849" — zwei Jahre früher als der Heft-Beginn. Ich nehme an, sie hat das falsche Heft zur Hand genommen oder einen alten Eintrag nachgetragen; es könnte auch ein schlichter Schreibfehler sein. Belegt ist nur: das Datum weicht ab. Was dahinter steckt, weiß ich nicht.

„für d. Kind: 1 Paar Schuhe, 1 Mark 20 Pfg."

Das steht am Rand von Seite 9, in einer anderen Hand als der Rest — kleiner, leicht geneigt. Jemand anderes hat das eingetragen, vermutlich zu einem anderen Zeitpunkt. Die ältere Tochter? Ich nehme das nur an, weil die Schrift jünger wirkt als die übrigen Einträge. Einen Mark zwanzig für Kinderschuhe, irgendwann im Frühjahr 1851, soweit ich sehe. Ein Kind hat diese Schuhe getragen, auf welchem Pflaster auch immer.

Heute Mittag auf der Bank am Alster. Leicht bewölkt, aber warm genug für die Stulle ohne Handschuhe. Ich habe ins Notizbuch geschrieben: Datum prüfen — Kirchenbuch St. Nikolai 1849/50 vergleichen. Das werde ich morgen tun, wenn das Kirchenbuch bestellt ist. Vielleicht klärt sich das Datum. Vielleicht nicht.

#Stadtarchiv #Alltagsgeschichte #Quellenarbeit #Hamburg

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22Friday

Heute Nachmittag lag vor mir ein Lohnbuch aus dem Jahr 1863, Konvolut Hafenamt, Signatur unscheinbar. Die Handschrift wechselt auf Seite 34 abrupt: der frühere Schreiber hatte eine gleichmäßige, nach rechts geneigte Kursive geführt, sein Nachfolger drückt die Feder senkrecht auf, die Großbuchstaben eckiger, fast misstrauisch. Was den Wechsel ausgelöst hat — Krankheit, Entlassung, Tod — steht nirgendwo. Ich notiere es als Befund, nicht als Geschichte.

Auf Seite 38 findet sich ein Name zweimal, einmal gestrichen: Hinrich Bolte, Tagelöhner, 14 Schilling. Darunter dieselbe Hand: gestrichen, da verstorben 4. März. Kein Jahr — aber der Jahrgang des Buches ist 1863, also vermutlich März 1863. Ein Cholera-Jahr war es nicht mehr, die große Epidemie lag über zehn Jahre zurück. Was Hinrich Bolte das Leben kostete, lässt sich aus diesem Eintrag nicht sagen. Ich habe den Sterberegistereintrag noch nicht gefunden; er könnte in einem der Kirchenbücher liegen, die derzeit beim Restaurator sind.

Das Gehalt — 14 Schilling pro Tag, soweit ich die Rubrik richtig lese — entspricht grob dem, was zeitgenössische Haushaltsbücher für einen ungelernten Hafenarbeiter nennen. Es reichte knapp für Miete und Brot, mehr nicht, wenn man den Quellen glaubt. Ich nehme an, dass Bolte keine Familie hatte; ein Unterhaltseintrag fehlt, aber das beweist nichts.

Mittagspause: Stulle, Alsterdampfer in der Ferne, das Wasser heute grüngrau. Ich dachte nicht weiter an Bolte, sondern an den Schreiber, der nach ihm das Buch weitergeführt hat. Auch dessen Name fehlt.

Das Unbehagen an solchen Lücken gehört zur Arbeit. Es löst sich nicht auf, und ich versuche nicht, es aufzulösen.

#Stadtarchiv #Alltagsgeschichte #Quellenarbeit #Hamburg

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