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© 2026 Storyie
sophie
@sophie

May 2026

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5Tuesday

Sie legte den Schlüssel auf das Fensterbrett, genau dort, wo er elf Jahre lang gelegen hatte.

Das Zimmer war leer bis auf den Stuhl. Morgen würden die Möbelpacker das letzte holen, aber den Stuhl hatte sie vergessen zu erwähnen, und nun stand er in der Mitte des Bodens wie ein Argument, das niemand beenden wollte. Das Licht einer Straßenlaterne warf Streifen über das Parkett. Es roch nach Staub und nach etwas Süßerem, das sie nicht benennen konnte.

In der ersten Nacht hier hatte sie geweint, leise, damit die Nachbarin es nicht hörte. Heute Nacht weinte sie nicht. Sie saß auf dem Stuhl und sah die Decke an, auf der noch immer der Abdruck einer Lampe zu erkennen war: ein blasser Kreis, als hätte das Licht das Weiß ringsum ausgeblichen.

Irgendwann klingelte ihr Telefon. Eine unbekannte Nummer. Sie nahm ab.

Entschuldigung, sagte eine Männerstimme. Ich glaube, ich habe mich verwählt.

Vielleicht, sagte sie.

Er legte auf. Sie auch.

Draußen fuhr die letzte S-Bahn vorbei. Das Brummen stieg durch die Wände, zog unter dem Stuhl hindurch und war wieder weg. Sie stand auf, trat ans Fenster. Auf dem Bürgersteig lag ein aufgeklappter Regenschirm, vergessen oder einfach aufgegeben — sie konnte es nicht sagen. Er rührte sich nicht im Wind.

Sie griff nach dem Schlüssel auf dem Fensterbrett, schon aus Gewohnheit. Dann legte sie ihn zurück. Morgen würde sie ihn im Briefkasten hinterlassen, morgen würde das die erste Handlung eines anderen Lebens sein.

Aber noch war es Nacht. Der Stuhl stand in der Mitte des Zimmers, und der Kreis an der Decke schien kleiner geworden zu sein, als schöbe sich das Dunkel von allen Seiten langsam vor.

#Kurzgeschichte #Kurzprosa #NachtStück #Abschied

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18Monday

Der Regenschirm lehnte gegen die Glasscheibe des Wartehäuschens, als hätte jemand ihn absichtlich dort vergessen. Ein schwarzer Schirm, Holzgriff mit einem kleinen Riss.

Mara zog ihren Mantelkragen hoch und schaute auf die Anzeigetafel. Noch neun Minuten. Das gleichmäßige Brummen der Neonröhren über ihr war das einzige Geräusch auf dem Bahnsteig; der Feierabendverkehr hatte sich längst geleert, und der Abend kam früh in diesem Mai.

Sie hatte einen Schirm genau wie diesen mal ihrem Vater geschenkt — zu seinem sechzigsten Geburtstag, ein Kaufhausschirm in einer dünnen Geschenkschachtel. Er hatte ihn sofort irgendwo liegen lassen, wahrscheinlich im Bus, vielleicht in einem Restaurant. Das war seine Art gewesen: Dinge willkommen heißen und loslassen, ohne es zu merken.

Ein älterer Mann kam die Treppe herauf, schaute kurz auf den Schirm, dann auf Mara, dann wieder auf den Schirm. Er stellte sich ans andere Ende des Bahnsteigs und nestelte an seinem Telefon.

Der Regen begann leise, fast zögernd, wie ein Gespräch, das niemand anfangen will. Die Tropfen trommelten auf das Wellblechdach des Wartehäuschens. Mara rückte einen Schritt zur Seite, ohne den Schirm zu berühren.

Wem gehörst du, dachte sie.

Als die S-Bahn einfuhr — ein Rauschen, Licht, das Quietschen der Bremsen — griff sie schließlich nach dem Griff. Nicht, weil der Regen schlimmer geworden wäre. Nicht, weil sie einen Schirm gebraucht hätte. Es war, als ob er einfach schon immer gewartet hatte, und sie war nur die erste, die lang genug geblieben war.

Im Zug saß sie mit ihm auf dem Schoß und schaute auf den nassen Asphalt, der sich im Schein der Bahnhofslampen spiegelte. An der nächsten Haltestelle stieg sie aus. Den Schirm ließ sie auf dem Sitz, den Holzgriff nach oben, den Riss nach vorn.

#Kurzgeschichte #Kurzprosa #Bahnsteig #Regenschirm

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26Tuesday

Um halb drei morgens trägt Marta ihre Wäsche in den Waschsalon an der Ecke. Sie stopft alles in Maschine vier — die mit dem leisen Brummen, die sie seit Jahren kennt, die manchmal mitten im Schleudergang innehält und dann, nach einer kurzen Pause, weitermacht. Dann setzt sie sich auf den orangen Plastikhocker und wartet.

Ein Mann sitzt schon dort, am anderen Ende der Reihe. Er liest nicht, schaut nicht auf sein Telefon. Er hält einen roten Regenschirm auf den Knien, beide Hände um den Griff gelegt, als wäre er ein Gegenstand von Bedeutung. Sein Mantel ist trocken. Er muss schon länger hier sein.

Sie nickt. Er nickt. Das Brummen der Maschinen füllt den Raum, und hinter dem Schaufenster glänzt die nasse Straße unter einem einzigen Laternenpfahl.

Irgendwann — Marta hat die Zeit verloren — schläft der Mann ein. Sein Kopf sinkt langsam zur Seite. Der rote Regenschirm rutscht von seinen Knien und lehnt nun gegen den Stuhl, als hätte er ihn längst vergessen.

Als der Trockner piept, steht Marta auf. Sie faltet ihre Sachen, Stück für Stück, im warmen Licht der Neonröhre. Pullover, Handtücher, das alte Hemd, das sie nicht wegwerfen kann. Als sie fertig ist, schläft der Mann noch immer, den Mund leicht geöffnet.

Marta nimmt ihre Tasche. An der Tür bleibt sie kurz stehen.

Draußen hat es angefangen zu regnen. Keine Böen, nur ein leises, gleichmäßiges Fallen.

Sie stellt die Tasche ab, geht zurück, und legt den roten Regenschirm vorsichtig in seine offene Hand. Dann geht sie in den Regen hinaus, ohne sich umzudrehen.

Vielleicht war es sein Schirm. Vielleicht auch nicht. Es schien ihr in diesem Moment keine Rolle zu spielen.

#Kurzgeschichte #Kurzprosa #NachtStück #Erzählung

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