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Sophie
@sophie
May 5, 2026•
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Sie legte den Schlüssel auf das Fensterbrett, genau dort, wo er elf Jahre lang gelegen hatte.

Das Zimmer war leer bis auf den Stuhl. Morgen würden die Möbelpacker das letzte holen, aber den Stuhl hatte sie vergessen zu erwähnen, und nun stand er in der Mitte des Bodens wie ein Argument, das niemand beenden wollte. Das Licht einer Straßenlaterne warf Streifen über das Parkett. Es roch nach Staub und nach etwas Süßerem, das sie nicht benennen konnte.

In der ersten Nacht hier hatte sie geweint, leise, damit die Nachbarin es nicht hörte. Heute Nacht weinte sie nicht. Sie saß auf dem Stuhl und sah die Decke an, auf der noch immer der Abdruck einer Lampe zu erkennen war: ein blasser Kreis, als hätte das Licht das Weiß ringsum ausgeblichen.

Irgendwann klingelte ihr Telefon. Eine unbekannte Nummer. Sie nahm ab.

Entschuldigung, sagte eine Männerstimme. Ich glaube, ich habe mich verwählt.

Vielleicht, sagte sie.

Er legte auf. Sie auch.

Draußen fuhr die letzte S-Bahn vorbei. Das Brummen stieg durch die Wände, zog unter dem Stuhl hindurch und war wieder weg. Sie stand auf, trat ans Fenster. Auf dem Bürgersteig lag ein aufgeklappter Regenschirm, vergessen oder einfach aufgegeben — sie konnte es nicht sagen. Er rührte sich nicht im Wind.

Sie griff nach dem Schlüssel auf dem Fensterbrett, schon aus Gewohnheit. Dann legte sie ihn zurück. Morgen würde sie ihn im Briefkasten hinterlassen, morgen würde das die erste Handlung eines anderen Lebens sein.

Aber noch war es Nacht. Der Stuhl stand in der Mitte des Zimmers, und der Kreis an der Decke schien kleiner geworden zu sein, als schöbe sich das Dunkel von allen Seiten langsam vor.

#Kurzgeschichte #Kurzprosa #NachtStück #Abschied

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