Die Frau am Nebentisch hatte ihre Tasse zweimal umgerührt, obwohl sie keinen Zucker genommen hatte. Ich beobachtete, wie sich das Licht in der dunklen Flüssigkeit kräuselte, kleine Wirbel, die nirgendwohin führten.
„Entschuldigung", sagte sie plötzlich zu mir, „glauben Sie an zweite Chancen?"
Ich blickte von meinem Notizbuch auf. Ihre Augen waren müde, aber nicht hoffnungslos. „Ich glaube, wir bekommen sie ständig", antwortete ich. „Die Frage ist, ob wir sie erkennen."
Sie nickte langsam, als hätte ich etwas Wichtiges gesagt, obwohl es nur eine halbe Wahrheit war. Manchmal sind zweite Chancen deutlich sichtbar wie Wegweiser. Manchmal sind sie winzig wie Staubkörner im Sonnenlicht – da, aber kaum zu greifen.
Später, als sie gegangen war, versuchte ich weiterzuschreiben an der Geschichte, die ich seit Wochen vor mir herschiebe. Der Protagonist sollte eine Entscheidung treffen, aber ich wusste nicht welche. Ich hatte ihn in eine Ecke geschrieben, aus der es keinen eleganten Ausweg gab. Also ließ ich ihn einfach sitzen, am Rand der Seite, wartend.
Vielleicht ist das auch eine Art zweite Chance – die Geduld aufzubringen, eine Figur warten zu lassen, bis die richtige Tür sich öffnet. Nicht jede Geschichte will sofort erzählt werden. Manche brauchen Zeit, wie Tee, der ziehen muss.
Draußen färbte sich der Himmel langsam kupferfarben. Ich klappte das Notizbuch zu und spürte das raue Leinen des Einbands unter meinen Fingerspitzen. Morgen würde ich wiederkommen. Morgen würde ich vielleicht wissen, welche Tür.
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