Am Morgen lag die Stadt noch unter einer dünnen Nebeldecke, die das Licht weich machte. Ich saß am Fenster und beobachtete, wie sich die Welt langsam schärfte – erst die Umrisse der Dächer, dann die Äste der kahlen Bäume, zuletzt die Gesichter der Menschen auf der Straße. Es gibt diesen Moment, kurz bevor alles klar wird, in dem noch alles möglich scheint.
Ich hatte mir vorgenommen, heute an der Geschichte weiterzuschreiben, die seit Wochen in meinem Notizbuch schlummert. Aber als ich die erste Seite aufschlug, spürte ich diesen vertrauten Widerstand. Die Figur wollte nicht sprechen. Sie stand da, mitten im Raum, und schwieg. Ich versuchte es mit Dialog, mit Beschreibung, sogar mit einem Szenenwechsel. Nichts.
Dann machte ich einen Fehler – oder vielleicht war es gar keiner. Ich fing an, über die Figur zu schreiben, statt aus ihr heraus. Ich notierte, was sie nicht sagen wollte, was sie versteckte, welche Worte ihr im Hals steckenblieben. Plötzlich hatte ich drei Seiten gefüllt, und die Geschichte begann sich von selbst zu erzählen, nur anders als geplant.
Nachmittags ging ich spazieren. Die Luft roch nach feuchter Erde und Rauch aus Kaminen. Ein alter Mann saß auf einer Bank und fütterte Tauben. Jeden Tag dasselbe, dachte ich zuerst, aber dann sah ich, wie sorgfältig er jedem Vogel einen Namen gab, wie er mit ihnen sprach, als wären sie alte Freunde. Manchmal ist Wiederholung keine Leere, sondern Ritual.
Zuhause las ich noch einmal, was ich geschrieben hatte. Die Geschichte ist noch nicht fertig, wird es vielleicht nie sein. Aber sie atmet jetzt. Sie hat Lücken und Risse, durch die das Licht fällt. Genau so soll es sein.
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