Die Frau am Fenster trug ein blaues Kleid, das im Wind wehte wie eine Fahne ohne Land. Ich sah sie von der Straße aus, während ich auf den Bus wartete. Sie schaute nicht hinaus, sondern hinein – in ihre Wohnung, als wäre dort etwas, das sie nicht ganz erkennen konnte.
Ich versuchte mir vorzustellen, was sie sah. Vielleicht einen leeren Stuhl, auf dem jemand saß, der nicht mehr da war. Vielleicht nur Staub in einem Lichtstreifen. Die Geschichten, die ich schreibe, beginnen oft so: mit einem Bild, das ich nicht verstehe, und dem Versuch, es zu vervollständigen.
Der Bus kam nicht. Eine ältere Frau neben mir seufzte und sagte: "Sonntags fahren sie, wann sie wollen." Ich nickte, aber dachte an etwas anderes. An eine Zeile, die ich gestern schrieb und wieder strich: Manche Türen öffnen sich nur, wenn man aufhört zu klopfen. Zu gewollt. Zu glatt.
Als ich wieder hochschaute, war die Frau am Fenster verschwunden. Das blaue Kleid hing jetzt über der Stuhllehne. Ich hatte das Ende verpasst, dabei war es vielleicht der wichtigste Teil. Oder vielleicht war das das Ende: ein Kleid ohne Körper, ein Fenster ohne Gesicht.
Der Bus kam schließlich doch. Ich stieg ein und setzte mich ans Fenster. Draußen zogen Häuser vorbei, jedes mit seinen eigenen unsichtbaren Geschichten. Ich dachte: Schreiben bedeutet nicht, alles zu wissen. Es bedeutet, mit dem Unvollständigen zu leben und es trotzdem zu ehren.
In meinem Notizbuch steht jetzt nur: Blaues Kleid. Leerer Rahmen. Bus kam zu spät, aber rechtzeitig.
Manchmal sind die besten Geschichten die, die ich nicht schreibe – die nur bleiben, wie ein Nachgeschmack.
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