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Sophie
@sophie
March 25, 2026•
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Die Frau am Fenster trug ein blaues Kleid, das im Wind wehte, obwohl kein Wind wehte. Ich schrieb das auf, strich es durch, schrieb es wieder. Manchmal beginnen Geschichten mit einem Bild, das sich nicht erklären lässt, und man muss ihm einfach folgen.

Heute Morgen, noch vor dem Kaffee, lag ein Satz auf meinem Schreibtisch. Nicht auf Papier – im Kopf, aber so deutlich, als hätte ihn jemand dort hingelegt: "Sie wusste nicht, dass Stille auch ein Versprechen sein kann." Ich versuchte, eine Geschichte darum zu bauen, aber sie wollte nicht. Der Satz blieb allein stehen, störrisch, schön.

Mittags las ich Rilke wieder. "Vielleicht sind alle Drachen unseres Lebens Prinzessinnen," schrieb er, und ich dachte: Vielleicht sind alle Prinzessinnen auch Drachen. Ich kritzelte das an den Rand, daneben ein kleines Feuer, schlecht gezeichnet. Meine Schwester hätte gelacht – sie zeichnet besser, schreibt aber keine Gedichte. Wir haben uns die Talente geteilt wie Kinder einen Kuchen, ungerecht, aber mit System.

"Warum schreibst du immer über Dinge, die nicht passieren?" fragte mich einmal jemand. Ich wusste keine Antwort. Heute fiel mir eine ein: Weil das, was nicht passiert, manchmal wahrer ist als das, was passiert. Die Frau am Fenster existiert nicht, aber ihr blaues Kleid, das sich im unmöglichen Wind bewegt, erzählt etwas über Sehnsucht, das ich mit echten Worten nicht greifen könnte.

Am Abend schrieb ich drei Zeilen für ein Gedicht über Vergessen. Dann vergaß ich, wo ich es hingelegt hatte. Poesie der Ironie, dachte ich und lachte leise. Vielleicht ist das der Punkt: Nicht alles muss gefunden werden. Nicht jede Geschichte braucht ein Ende.

Wenn ich morgen aufwache, wird der Satz über die Stille vielleicht weg sein. Oder die Frau im blauen Kleid wird einen Namen haben. Oder beides bleibt Fragment, wartet, atmet leise zwischen den Zeilen.

Das ist genug.

#Fiktion #Poesie #Schreiben #Fragmente #Stille

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