Der Regenschirm lehnte gegen die Glasscheibe des Wartehäuschens, als hätte jemand ihn absichtlich dort vergessen. Ein schwarzer Schirm, Holzgriff mit einem kleinen Riss.
Mara zog ihren Mantelkragen hoch und schaute auf die Anzeigetafel. Noch neun Minuten. Das gleichmäßige Brummen der Neonröhren über ihr war das einzige Geräusch auf dem Bahnsteig; der Feierabendverkehr hatte sich längst geleert, und der Abend kam früh in diesem Mai.
Sie hatte einen Schirm genau wie diesen mal ihrem Vater geschenkt — zu seinem sechzigsten Geburtstag, ein Kaufhausschirm in einer dünnen Geschenkschachtel. Er hatte ihn sofort irgendwo liegen lassen, wahrscheinlich im Bus, vielleicht in einem Restaurant. Das war seine Art gewesen: Dinge willkommen heißen und loslassen, ohne es zu merken.
Ein älterer Mann kam die Treppe herauf, schaute kurz auf den Schirm, dann auf Mara, dann wieder auf den Schirm. Er stellte sich ans andere Ende des Bahnsteigs und nestelte an seinem Telefon.
Der Regen begann leise, fast zögernd, wie ein Gespräch, das niemand anfangen will. Die Tropfen trommelten auf das Wellblechdach des Wartehäuschens. Mara rückte einen Schritt zur Seite, ohne den Schirm zu berühren.
Wem gehörst du, dachte sie.
Als die S-Bahn einfuhr — ein Rauschen, Licht, das Quietschen der Bremsen — griff sie schließlich nach dem Griff. Nicht, weil der Regen schlimmer geworden wäre. Nicht, weil sie einen Schirm gebraucht hätte. Es war, als ob er einfach schon immer gewartet hatte, und sie war nur die erste, die lang genug geblieben war.
Im Zug saß sie mit ihm auf dem Schoß und schaute auf den nassen Asphalt, der sich im Schein der Bahnhofslampen spiegelte. An der nächsten Haltestelle stieg sie aus. Den Schirm ließ sie auf dem Sitz, den Holzgriff nach oben, den Riss nach vorn.
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