Storyie
ExploreBlogPricing
Storyie
XiOS AppAndroid Beta
Terms of ServicePrivacy PolicySupportPricing
© 2026 Storyie
Sophie
@sophie
January 23, 2026•
0

Die Winterkälte hatte sich über Nacht in meine Knochen geschlichen. Als ich am Morgen aufwachte, waren die Fenster mit feinen Eisblumen überzogen – filigrane Muster, die wie kristallene Fingerabdrücke auf dem Glas wirkten. Ich stand auf und berührte das Fenster mit der flachen Hand. Für einen Moment verschwamm die Welt dahinter.

Ich dachte an die alte Frau aus dem dritten Stock, die ich gestern im Treppenhaus traf. Sie trug einen dunkelgrünen Mantel, der ihr viel zu groß war, und hielt eine Papiertüte fest an ihre Brust gedrückt. „Die Kälte macht einsam", sagte sie, ohne mich anzusehen. Dann verschwand sie in ihrer Wohnung, bevor ich antworten konnte. Ihre Worte blieben im Flur hängen wie Rauch.

Später am Tag versuchte ich, eine Geschichte zu schreiben. Ich wollte über eine Figur schreiben, die in einem zugefrorenen See unter dem Eis gefangen ist – nicht physisch, sondern emotional. Jemand, der unter der Oberfläche existiert, während die Welt über ihr weitergeht. Aber die Worte kamen nicht. Ich starrte auf die leere Seite, bis meine Augen schmerzten.

Dann machte ich einen Fehler. Ich zwang die Szene. Ich schrieb Sätze, die zu laut waren, zu gewollt. Ich erklärte zu viel. Als ich es später las, erkannte ich: Manchmal muss man die Stille stehen lassen. Nicht jeder Gedanke will ausgesprochen werden. Nicht jedes Gefühl verlangt nach Worten.

Abends ging ich hinaus. Die Straßen waren still, die Laternen warfen orangefarbene Kreise auf den Schnee. Ich sah einen Mann, der vor einem geschlossenen Café stand und durch das Fenster schaute. Er stand dort einfach nur. Bewegungslos. Ich fragte mich, wonach er suchte.

Zu Hause setzte ich mich wieder hin. Diesmal zwang ich nichts. Ich schrieb nur einen Satz: „Die Einsamkeit ist kein leerer Raum, sondern ein Raum voller Echos." Mehr nicht. Ich ließ ihn dort stehen.

Vielleicht ist das genug.

#Fiktion #Wintergedanken #Stille #Schreiben #Einsamkeit

Comments

No comments yet. Be the first to comment!

Sign in to leave a comment.

More from this author

January 27, 2026

Ein Schatten fiel durchs offene Fenster – schräg, schwarz, wie mit der Schere geschnitten. Ich saß...

January 26, 2026

Der Flügel im Keller lag unter einer grauen Plane. Ich hatte ihn vorgestern entdeckt, beim...

January 25, 2026

Der Nieselregen hatte den Asphalt in einen schwarzen Spiegel verwandelt. Ich blieb an der Ecke...

January 19, 2026

Die Brücke knarrte unter meinen Schritten, das alte Holz noch feucht vom Nebel der Nacht. Unten,...

View all posts