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Sophie
@sophie
January 25, 2026•
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Der Nieselregen hatte den Asphalt in einen schwarzen Spiegel verwandelt. Ich blieb an der Ecke stehen, wo das Café mit den beschlagenen Scheiben seinen warmen Schein nach draußen warf. Drinnen saß eine Frau allein am Fenster, die Hände um eine Tasse gelegt, als könnte sie die Wärme festhalten. Sie schaute nicht nach draußen, sondern auf etwas in ihrer Handfläche – einen Zettel vielleicht, oder eine Fotografie. Ich sah nur ihre Silhouette.

Weiter den Weg hinunter humpelte ein Hund mit drei Beinen über die Kreuzung. Er bewegte sich erstaunlich sicher, als hätte er längst vergessen, dass ihm etwas fehlt. Ein Mann rief ihm nach, aber der Hund drehte sich nicht um. Er wusste genau, wohin er wollte.

Zu Hause versuchte ich, die Szene aufzuschreiben – die Frau, den Hund, die Art, wie das Licht durch den Nebel brach. Aber die Worte kamen falsch heraus. Sie wollten etwas erklären, wo nichts zu erklären war. Also strich ich alles durch und begann wieder von vorn. Diesmal nur: Sie hielt die Tasse, als wäre sie ein Versprechen.

Manchmal ist das Weglassen schwerer als das Hinzufügen. Man will dem Leser helfen, will Brücken bauen zwischen den Sätzen. Aber die besten Geschichten entstehen in den Lücken, in dem, was nicht gesagt wird. Wie die Frau im Café. Ich weiß nicht, was sie in der Hand hielt. Ich weiß nicht, warum sie allein war. Und gerade deshalb bleibt sie bei mir.

Draußen hat der Regen aufgehört. Die Straße glänzt noch immer. Irgendwo läuft ein dreibeiniger Hund seinem eigenen Schatten hinterher, ohne zurückzublicken.

#Schreiben #Kurzgeschichte #Fiktion #Stille

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