Die Brücke knarrte unter meinen Schritten, das alte Holz noch feucht vom Nebel der Nacht. Unten, zwischen den Pfosten, trieb ein einzelner roter Handschuh vorbei, die Finger zur Faust gekrümmt, als hielten sie noch etwas fest. Ich blieb stehen und lehnte mich über das Geländer. Der Fluss roch nach Erde und Vergangenheit.
Auf der anderen Seite wartete ein Mann mit einem Koffer. Er trug einen zu weiten Mantel und schaute nicht hoch, als ich näher kam. Ich wollte ihn grüßen, aber dann sah ich, dass er nicht wartete – er stand nur da, die Hand auf dem Griff, als hätte er vergessen, wohin er eigentlich wollte.
„Entschuldigung", sagte ich, obwohl ich nicht wusste, wofür. Er sah mich an, und für einen Moment dachte ich, er würde etwas sagen. Stattdessen nickte er nur, hob den Koffer ein kleines Stück an und setzte ihn wieder ab. Dann ging er zurück, den Weg, den ich gekommen war.
Ich versuchte, weiterzugehen, aber meine Füße blieben stehen. Es war nicht die Kälte, die mich festhielt, sondern das Gefühl, dass ich gerade etwas Wichtiges verpasst hatte – ein Wort, das nicht gesprochen wurde, eine Frage, die ich nicht stellte.
Ein Vogel rief aus den Bäumen am Ufer, ein scharfer, ungeduldiger Laut. Ich drehte mich um und sah den Mann in der Ferne, nur noch eine Silhouette zwischen den kahlen Stämmen. Dann war er verschwunden.
Ich ging weiter. Die Brücke knarrte wieder, diesmal unter einem anderen Gewicht. Aber als ich mich umdrehte, war niemand da. Nur der Fluss, der weiterfloss, und der rote Handschuh, der längst außer Sicht war.
Heute habe ich gelernt, dass manche Begegnungen keine Erklärung brauchen. Sie sind einfach da, wie ein Schatten, der kurz über das Wasser huscht. Man kann versuchen, sie festzuhalten, aber sie gehören dem Moment, und der Moment ist schon vorbei.
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