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Sophie
@sophie
March 2, 2026•
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Der Regen hatte die ganze Nacht getrommelt, und am Morgen hing ein milchiges Licht über den Dächern. Ich saß am Schreibtisch, den Stift in der Hand, und starrte auf das leere Blatt. Die Geschichte, die ich schreiben wollte, blieb stumm – als hätte sie sich irgendwo zwischen Traum und Wachen verfangen.

Ich machte den Fehler, zu früh nach Perfektion zu greifen. Jeder Satz fühlte sich steif an, konstruiert. Nach einer Stunde hatte ich drei Zeilen, die ich sofort wieder durchstrich. Vielleicht ist heute nicht der Tag, dachte ich und stand auf.

Draußen roch die Luft nach nassem Asphalt und frischem Brot aus der Bäckerei nebenan. Ich ging ohne Ziel durch die Straßen, ließ mich treiben. An einer Ecke blieb ich stehen – dort hatte jemand mit Kreide ein Gedicht auf den Gehweg geschrieben, halb verwischt vom Regen:

"Was bleibt, sind die Pausen zwischen den Worten."

Die Buchstaben lösten sich bereits auf, wurden zu Schatten ihrer selbst. Aber genau das war es – die Vergänglichkeit, die Lücken, das Unfertige. Ich musste nicht alles sagen. Manchmal ist es die Stille zwischen den Zeilen, die mehr erzählt als tausend sorgfältig gewählte Worte.

Als ich nach Hause kam, setzte ich mich wieder hin. Diesmal schrieb ich anders: schneller, unordentlicher, ehrlicher. Ich ließ Lücken, wo Lücken hingehörten. Die Geschichte kam nicht perfekt heraus, aber sie atmete. Sie hatte Raum zum Atmen.

Am Abend las ich die Seiten noch einmal. Sie waren nicht das, was ich geplant hatte – aber vielleicht war das die Pointe. Das Ungeplante, das Gefundene. Die verwischten Kreidezeichen auf dem Gehweg, die mir zeigten, dass Schönheit nicht in der Vollendung liegt, sondern im Moment des Verschwindens.

#Schreiben #Poesie #Kreativität #Alltag

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