Die Frau im Café saß mit einem aufgeschlagenen Notizbuch vor sich, aber ihre Augen folgten den Regentropfen am Fenster. Ich kannte diesen Blick – das Warten auf Worte, die sich weigern zu kommen. Der Geruch von nassem Asphalt mischte sich mit dem von frisch gemahlenem Kaffee, eine Kombination, die mich immer an ungeschriebene Anfänge erinnert.
Ich hatte mir vorgenommen, heute eine Geschichte zu beenden. Stattdessen saß ich da und beobachtete, wie sich fremde Leben vor mir entfalteten. Der Mann am Nebentisch telefonierte leise: "Nein, ich verstehe schon. Aber verstehst du auch mich?" Seine Stimme trug eine Müdigkeit, die ich zu gut kannte – die Erschöpfung des Nicht-Gehört-Werdens.
Manchmal frage ich mich, ob Geschichten uns finden oder ob wir sie jagen. Heute wollte ich jagen, doch stattdessen ließ ich mich treiben. Vielleicht ist das auch eine Art des Schreibens, dachte ich, während ich zusah, wie die Frau am Fenster endlich ihren Stift hob und zu schreiben begann.
Mein eigenes Notizbuch blieb leer, aber mein Kopf füllte sich mit Fragmenten: der Rhythmus des Regens, die Pause zwischen seinen Worten, die Art, wie ihre Hand zögerte, bevor sie die erste Zeile schrieb. Ich sammelte diese Momente wie Steine am Strand, nicht wissend, welchen ich später polieren würde.
Am Abend, zu Hause, öffnete ich mein Notizbuch und schrieb nur einen Satz: "Geschichten beginnen oft dort, wo wir aufhören zu suchen." Es war nicht die Geschichte, die ich schreiben wollte. Aber vielleicht war es die, die geschrieben werden musste.
Das Leere fühlt sich manchmal schwerer an als das Geschriebene. Doch in dieser Leere liegt auch eine Einladung – zu warten, zu lauschen, zu sehen, was sich von selbst zeigt.
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