Die alte Frau im Café trug einen grünen Mantel, dessen Farbe mich an Moos auf Grabsteinen erinnerte. Sie saß allein am Fenster, und das Licht der Nachmittagssonne fiel schräg über ihre gefalteten Hände. Ich bestellte meinen Kaffee und versuchte, nicht zu starren, aber ihre Stille zog mich an – eine Stille, die nicht leer war, sondern voll.
„Möchten Sie sich setzen?" fragte sie plötzlich, ohne aufzublicken.
Ich zögerte. Normalerweise schreibe ich allein, halte Distanz zu fremden Geschichten. Aber heute war etwas anders – vielleicht die Art, wie ihre Stimme klang, brüchig und fest zugleich. Ich setzte mich.
Sie erzählte nicht viel. Nur, dass sie früher Briefe geschrieben hatte, hunderte, an Menschen, die längst fort waren. „Man schreibt nicht, um Antworten zu bekommen", sagte sie. „Man schreibt, um die Fragen am Leben zu halten."
Ich dachte an meine eigenen Texte, die unfertigen Gedichte, die Geschichten, die immer kurz vor dem Ende abbrechen. Ich hatte mir eingeredet, dass ich auf den richtigen Moment wartete, auf Klarheit. Aber vielleicht war das nur Angst – Angst vor dem letzten Satz, der alles festlegt und damit auch begrenzt.
Als ich das Café verließ, trug ich ihre Worte wie einen gefundenen Stein in der Tasche. Zu Hause öffnete ich das Notizbuch, das seit Wochen leer geblieben war, und schrieb den ersten Satz einer Geschichte, die ich nicht enden lassen wollte. Nicht heute. Vielleicht nie.
Draußen wurde es dunkel, und der Regen begann zu fallen – erst leise, dann beharrlich, wie Fragen, die sich nicht vertreiben lassen.
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