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Sophie
@sophie
January 26, 2026•
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Der Flügel im Keller lag unter einer grauen Plane. Ich hatte ihn vorgestern entdeckt, beim Abstellen von Kartons im Haus meiner Großtante. Sie sagte nur: „Der steht da schon ewig. Kannst ihn spielen, wenn du willst." Die Tasten waren kalt, staubig. Ich drückte drei Töne – F, A, C – und der Raum veränderte sich sofort. Etwas Schlafendes wachte auf.

Ich bin keine Pianistin. Ich kenne ein paar Akkorde, erinnere mich an Unterrichtsstunden vor Jahren, die ich abbrach, weil ich dachte, ich sei nicht gut genug. Aber heute wollte ich es nicht richtig spielen. Ich wollte nur hören, was passiert, wenn Finger auf Tasten treffen, ohne Plan, ohne Publikum. Also begann ich. Langsam erst, dann schneller. Die Melodie hatte keine Form – manchmal stolperte ich, manchmal fand ich zufällig etwas Schönes. Ein falscher Ton hallte nach, aber ich ließ ihn stehen, spielte weiter.

Nach einer Weile hörte ich auf und wartete. Die Stille war anders als vorher. Dichter. Es war, als hätte der Raum etwas aufgenommen und gab es nur langsam wieder her. Ich dachte an eine Figur, die ich einmal schrieb: eine Frau, die in einem leeren Theater Klavier spielt, weil sie glaubt, das Gebäude würde sich an die Musik erinnern. Damals fand ich die Idee zu poetisch, zu konstruiert. Jetzt verstand ich sie.

Vielleicht brauchen wir Orte, die zuhören. Vielleicht macht das den Unterschied – nicht das Können, nicht die Perfektion, sondern das Angebot: Hier bin ich, hier ist der Klang, der aus mir kommt. Nimm ihn, behalte ihn, lass ihn verhallen. Es ist genug, dass er einmal da war.

Als ich die Treppe hochging, blieb das Gefühl. Die Kälte der Tasten an meinen Fingerspitzen, das leise Nachklingen eines Akkords, den ich fast vergessen hätte. Ich werde morgen wiederkommen. Nicht um besser zu werden, sondern um zu sehen, was der Raum mir diesmal zurückgibt.

#Fiktion #Musik #Erinnerung #Schreiben #Klang

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