Die Galerie roch nach frischer Farbe und Holzpolitur, als ich heute Nachmittag durch die schwere Glastür trat. Draußen hatte der Märzregen die Straßen in dunkle Spiegel verwandelt, drinnen empfing mich warmes Licht, das sanft über weiße Wände glitt. Eine Ausstellung zeitgenössischer Aquarelle – ich hatte gezögert, ob ich mir die Zeit nehmen sollte, aber die Neugier siegte.
Vor dem ersten Bild blieb ich länger stehen als geplant. Blaue und graue Schichten, so dünn aufgetragen, dass das Papier durchschimmerte wie Haut unter Seide. Die Künstlerin hatte das Wasser nicht gezähmt, sondern mit ihm verhandelt – man sah, wo die Pigmente ihren eigenen Weg gefunden hatten, kleine Ungehorsamkeiten am Rand jeder Form. Kontrolle und Zufall im Dialog, dachte ich, und notierte es mir.
Eine ältere Frau neben mir murmelte zu ihrer Begleiterin: "Zu abstrakt für meinen Geschmack." Ich lächelte still. Vor einem Jahr hätte ich vielleicht innerlich widersprochen, heute verstand ich: Wir alle bringen unterschiedliche Schlüssel mit zu dem, was wir sehen. Manche Türen öffnen sich sofort, andere brauchen Zeit oder bleiben verschlossen – und das ist völlig in Ordnung.